Mevlanas Gebet
Oh, unser Herr Gott,
ich atme nur für Dich,
ich wende meinen Geist zu Dir,
auf daß ich Deiner ständig gedenke,
Dich häufig anrufe.
Oh, unser Herr Gott,
auferlege mir kein Leiden,
das mich vergessen ließe, Dich zu ehren,
oder mein Verlangen nach Dir minderte
oder das Entzücken versiegen ließe, das ich empfinde,
wenn ich Deinen Lobpreis singe.
Schenke mir keine Gesundheit,
die vermessenen und undankbaren Hochmut
in mir entstehen oder wachsen ließe.
Um Deiner Gnade willen,
oh Du,
Allergnädigster der Barmherzigen.
Amen.
Ein
Derwisch
Ein Derwisch
wurde vom Teufel in Versuchung geführt, Allah nicht mehr anzurufen, und
zwar aus dem Grunde, weil Allah nie geantwortet hatte: "Hier bin Ich."
Der Prohet Khidr erschien dem Derwisch in einer Vision mit einer
Botschaft Gottes:
"Habe ich dich nicht zu meinem Dienst berufen? Habe ich dich nicht
veranlaßt, dich mit meinem Namen zu befassen? Daß du >Allah<
gerufen hast, war ja schon mein "Hier bin Ich!"
Moses und der Hirte
Moses der strenge Prophet, der einen Hirten
beschimpft, der Gott mit liebevoll törichten Worten anredet, wird von
Gott getadelt: die Aufgabe der Propheten ist nicht, die Menschen zu
trennen, sondern sie in Gottesliebe zusammenzubringen. Gott versteht
das Stammeln des Menschen und zieht es gelehrter Rede vor.
Die Anspielung auf den, von dem Gott sagt: «Ich war krank und du hast
Mich nicht besucht« bezieht sich auf den völlig mit Gott vereinten
Heiligen.
Auf dem Weg sah Moses einen Hirten,
der sprach: «Du, der wählt wen Er auch will!
Wo bist Du, daß ich Dein Diener werde,
Deinen Rock Dir flick, Dein Haar Dir kämme,
wasch Dein Kleid und töte Dir die Läuse,
Milch Dir bringe, o Du Hocherhabner?
Küß Dein Händchen und massier‘ Dein Füßchen
und zur Schlafenszeit feg ich Dein Plätzlein?
O Du, dem ich alle Zicklein opfre!«
Solchen Unsinn redete der Hirte -
Moses fragt‘: «Mit wem sprichst Du denn da?«
«Nun, mit dem, der uns erschaffen hat,
von dem Himmel ward und Erde sichtbar!«
Moses rief: «Du bist auf falschem Wege,
noch nicht Muslim, bist ein Heide du!
Was für Unsinn, was für Heidenquatsch!
Stopf dir besser Watte in den Mund!
Deiner Ketzerei Gestank verdirbt die Welt!
Sie zerschleißt des Glaubens feine Seide!
Du verdienst Schuhprügel, Bastonnade -
wie kannst du die Sonne denn so schmähen?
Wenn du nicht gleich solch Gerede stoppst,
kommt ein Brand, die Menschen zu vernichten.
Käm‘ kein Feuer - woher kommt der Rauch denn?
Schwarz die Seele, und das Herz verstoßen!
Wenn du weißt, daß Gott der Richter ist,
wie verläßt du dich auf solch Geschwätz?
Feindschaft ist des Dummen Freundschaft ja -
Gott braucht solche Diener nicht, du Dummkopf!
Redest du mit deinem Onkel denn?
Braucht der Mächt‘ge etwas für den Leib?
Milch trinkt jemand, der noch wachsen muß;
Schuhe trägt, wer Bein und Füße braucht.
Redest du von einem Menschen,
den Gott pries: <Er ist Ich
und Ich bin Er>,
als Er sagte: <Ich war krank, doch du
hast mich nicht besucht>. - ein solcher Mensch,
der da ward: Durch Mich
hört er und sieht>
- auch für den trifft ja dein Wort nicht zu.
Wer mit Gottes Freunden unverschämt
spricht, des Buch der Taten wird ganz schwarz.
Nennest einen Mann du Fatima,
(Wenn auch Mann und Frau von gleicher Art)
tötet‘ er dich wohl, wenn er es könnte,
wenn er sonst auch sanft und freundlich ist.
Fatima ist Ehre für die Frau,
doch ein Schlag ist‘s für die Männer wohl.
Hand und Fuß sind lobenswert bei uns,
doch Befleckung für den reinen Gott.
«Nicht gezeugt und zeugend nicht« - das ziemt
Ihm, der Zeuger und Gezeugte schuf
Was entsteht, vergeht - geschaffen ist‘s
und bedarf des Ew‘gen, der es schafft.«
Sprach der Hirt: «Hast mir den Mund gestopft
und mein Herz mit Reue ganz verbrannt.«
Und er stöhnte laut, zerriß sein Kleid,
floh und wandte sich zu Wüsten weit.
Doch zu Moses kam die Offenbarung:
«Meinen Diener trenntest du von Mir.
Kamst du, um die Menschen zu verbinden?
Oder kamest du, um sie zu trennen?
Strebe möglichst nicht zu einer Trennung!
<Am verhaßtesten ist Scheidung Mir>.
Jedem hab Ich einen Weg gegeben.
Lob ist es für ihn, für dich ist‘s Tadel!
Honig ist‘s für ihn - dir gift‘ge Nadel!
Frei sind Wir von Unrein und von Rein
und von Langsamkeit und Schnelligkeit.
Nicht befahl Ich, daß ich Nutzen hätte -
Nein, daß Ich den Menschen Gutes täte!
Inder lieben doch den Hindi-Ausdruck,
Sindis lieben doch den Sindi-Ausdruck.
Nicht Ich werde rein, wenn sie Mich preisen,
doch sie werden rein und streuen Perlen.
Wir schaun nicht auf Zunge oder Rede;
Wir schaun auf das Innere, den Zustand.
Blicken auf das Herz, ob‘s demutsvoll,
ob das Wort auch frech sei, fehlervoll.
Denn das Herz, das ist ja die Essenz,
und die Erde ist nur Akzidenz.
All dies Reden, Metaphern, Benennen -
Ich will nur das Glühen, Herzensbrennen!
Zünd‘ der Liebe Feuer in der Seele
und verbrenn Gedanken, Wort voll Fehle!»
Eines sind, die feinen Anstand kennen,
Anders sind, die ganz ihr Herz verbrennen.
Liebende, die müssen ständig brennen,
das zerstörte Dorf wird nicht besteuert.
Sprach er Falsches, nenn ihn doch nicht irrend -
Märtyrer voll Blut darfst du nicht waschen,
denn ihr Blut ist besser ja als Wasser,
solch ein Fehler besser als das Richt‘ge.
In der Kaaba gibt es keine Richtung -
Hat der Taucher keine Schuh - was tut es?
Suche Führerschaft nicht von Berauschten -
wer sein Kleid zerriß, wird es nicht flicken.
Der Liebe
Reich ist anders als alle Religionen.
Den
Liebenden ist Gott ihr Reich und Religion.
Moses bereut seine Härte und sucht den Hirten, dieser aber hat
inzwischen einen weit höheren geistigen Rang erreicht.
Wo immer du bist
Wo
immer du bist
und in welchem Zustand du dich findest
bemühe dich
ein Liebender zu sein
ein leidenschaftlich
Liebender
Jeder
Geliebte ist schön
Jeder
Geliebte ist schön, aber nicht umgekehrt. Nicht jeder Schöne ist
notwendigerweise geliebt. Die Schönheit ist ein Teil des Geliebtseins,
das Geliebtsein aber ist die Wurzel. Wenn Geliebtsein da ist, dann ist
mit Notwendigkeit auch Schönheit da. Der Teil eines Dinges ist nicht
von seinem Ganzen getrennt, er gehört zum Ganzen. Zur Zeit des
Madschnun gab es Schöne, die schöner waren als Layla, aber sie waren
nicht Geliebte Madschnuns. Man sagte zu Madschnun "Es gibt schönere als
Layla. Wir werden sie zu dir bringen!" Er antwortete: "Ich liebe doch
Layla nicht der (äußeren) Form nach! Layla ist nicht eine Form, Layla
ist wie ein Becher in meiner Hand und ich trinke Wein aus diesem
Becher. Ich bin also in den Wein verliebt, den ich daraus trinke. Euer
Blick ist auf den Becher gerichtet, vom Wein versteht ihr nichts. Wenn
ich einen goldenen, mit Juwelen besetzten Becher habe, darin aber Essig
ist oder etwas anderes als Wein, wozu soll er mir dienen? Ein altes
brüchiges Trinkgefäß das Wein enthält, ist in meinen Augen besser als
jener Becher, ja besser als hundert solcher Becher". Dieser Madschnun
braucht Liebe und Sehnsucht, um den Wein vom Becher unterscheiden zu
können. Das ist wie bei jenem Hungrigen. Zehn Tage hat er nachts
gegessen, während ein Satter fünfmal täglich gegessen hat. Beide
schauen auf das Brot. Jener Satte sieht die Form des Brotes, der
Hungrige sieht die Form des Lebens. Dieses Brot gleicht nämlich dem
Becher, seine Köstlichkeit aber gleicht dem Wein darin. Jenen Wein kann
man jedoch nur mit dem Blick des Begehrens und der Sehnsucht sehen.
Erwirb also Begehren und Sehnsucht, damit du nicht auf die (äußere)
Form siehst und in Welt und Ort nur den Geliebten siehst! Die Menschen
sind wie Becher, und alle Wissenschaften und Künste und Kenntnisse sind
Verzierungen des Bechers. Weißt du denn nicht, daß, wenn der Becher
zerbrochen ist, jene Verzierungen nicht mehr bleiben? Es kommt also auf
jenen Wein an, der im Becher der Leibesgestalten ist, und auf den, der
den Wein trinkt und sieht:
Von Dauer ist, was gut ist (Sure 18 46).
(Fihi ma fihi)
Der Pfad der Liebe
Der
Pfad der Liebe ist kein Durchgangsweg;
Hast Du ihn einmal betreten, gibt es keinen Rückweg mehr...
Was bleibt mir jetzt zu tun?
Hilflos bin ich....
Einer
fragt
Einer fragt:
"Was ist der Nutzen des Wortes?" Rumi antwortet: "Der Nutzen
des Wortes ist der, daß es dein Verlangen weckt und dich erregt. Nicht
daß durch das Wort Erfüllung zu finden wäre (wäre es so, bedürfte es
unserer Anstrengungen und Mühen nicht), vielmehr ist das Wort
solcherart, als würdest du in der Ferne etwas Schimmerndes sehen und du
gehst ihm nach, um seine Umrisse zu erkennen."
(Rumi: Die Sonne von Tabriz)
Legt
mich in die Nähe
Legt mich in
die Nähe des Geliebten, wenn ich sterbe.
Blickt er mich an, seid nicht verwundert.
Küßt er mich auf den Mund, seid nicht erstaunt.
Und wenn ich lächelnd dann die Augen öffne, so seid nicht überrascht
Ich
bin ein blühender Garten
Ich bin wie
ein blühender Garten,von einer Mauer umschlossen, auf der Gestrüpp und
Dornen wachsen. Der Vorübergehende sieht nicht den Garten, nur die
Mauer und ihren Mißstand und bemäkelt sie. Warum sollte der Garten ihm
zürnen? Die Mißbilligung schädigt nur ihn selbst, denn er muß sich mit
der Mauer bescheiden, statt zum Garten zu gelangen. Er wird dem Garten
fernbleiben, solange er sich bei dem Tadel der Mauer aufhält.
Ich wähle Dich
Ich
wähle Dich von aller Welt alleine -
Sprich, willst Du, daß ich traurig sitz' und weine?
Der Feder gleicht mein Herz in Deinen Händen;
Du bist der Grund, wenn froh, wenn trüb ich scheine.
Was will ich außer dem, was Du für gut hältst?
Die Bilder nur, die Du zeigst, nenn ich meine.
Bald treibst Du Rosen aus mir, bald auch Dornen;
Bald Schmerz, bald Duft schenkt mir die Ros' im Haine.
Wünschst Du mich so, füg' ich mich Deinem Willen;
Hältst Du mich so, so bin ich ganz der Deine...
Was suchst in meinen Ärmeln Du und Taschen?
Denn Schätze hab' ich - als die Du schenkst - keine.
Gebet
Beschenkte mich mein Herr
auch noch so reich - .
Mit Deiner Gabe, Gott, ist's kein Vergleich!
Er gab die Mütze und auch das Gewand,
Du gabst das Haupt, den Körper und den Stand.
Er gab mir Gold - Du, die es zählt, die Hand;
Er gab das Reittier - Du gabst den Verstand.
Er gab mir Licht - Du, daß ich's sehen kann;
Er gab mir Süßes - Du Geschmack daran.
Er gab mir Dienst - Du gabst mir Leben, Blut;
Verspricht er Gold, versprichst Du ew'ges Gut.
Er gab mir Wohnung - Du das Himmelszelt:
Für viele gleich wie ihn hat Raum die Welt.
Gold schuf nicht er - von Dir hat er's genommen;
Das Brot ist Dein - von Dir hat er's bekommen.
Du nur hast diese Großmut ihm gegeben,
Daß Du dadurch verschönst sein reiches Leben!
(Rumi, aus A. Schimmel: Dein Wille geschehe)
Wein
Wir haben ein riesiges
Fass Wein, aber keine Becher.
Uns paßt das gut. Jeden Morgen
erglühen wir, und abends erglühen wir abermals.
Sie sagen, für uns gebe es keine Zukunft: Sie haben recht.
Uns paßt das gut.
(Rumi, Diwan, aus Offenes Geheimnis, Knaur Velag )
Siehst du nicht den
starken Kämpfer
WIE OFT FRAGST DU
WO IST MEIN WEG?
WO IST MEIN HEIL?
ER HAT DICH ZUM SUCHER DER EINHEIT GEMACHT;
IST DIR DAS NICHT GENUG?
DEIN KUMMER ENTSPRINGT EINEM EINZIGEN GRUND -
DU KANNST IHN FÜR IMMER BEGRABEN;
DER WUNSCH, DEINE EIGENE SEELE ZU KENNEN,
WIRD JEGLICHES ANDERE SEHNEN BEENDEN.
DER DUFT FRISCHEN BROTES STRÖMT DIR ENTGEGEN
WENN DICH SCHON DIESER GERUCH ERFREUT,
WOZU IST DAS BROT DANN NOCH NÖTIG?
UND WENN DIE LIEBE DICH ERGRIFFEN HAT,
IST SIE DOCH SCHON BEWEIS GENUG.
HAT SIE DICH ABER NICHT ERFASST,
WOZU IST EINE PRÜFUNG NÖTIG?
BIST DU DENN BLIND?
WENN DU KEIN KÖNIG BIST,
WAS SOLL DANN DEIN GEHABE?
UND WENN DIE SCHÖNHEIT NICHT IN DIR IST,
NÜTZT DIR AUCH DAS LlCHT NICHT VIEL,
DAS DU UNTER DEM MANTEL VERSTECKST.
VON WEITEM BEREITS BEBST DU VOR ANGST -
SIEHST DU DENN NICHT DEN STARKEN KÄMPFER,
DER SCHON IN DEINEM HERZEN IST?
DAS FEUER IN SEINEN AUGEN
HAT JEDE GAUKELEI VERBRANNT.
WARUM STELLST DU DICH HINTER EINEN VORHANG
UND FÜRCHTEST DICH VOR DEM,
WAS DU NICHT SEHEN KANNST?
MACH DEINE AUGEN AUF,
DENN DER GELIEBTE
BLICKT DIR GERADE INS GESICHT!
HAT EIN MEISTER NICHT SEIN LICHT IN DEIN HERZ GESETZT,
WELCHE FREUDE KANNST DU WOHL
HIER IN DIESER WELT NOCH FINDEN?
JEDE BLUME BLEIBT DANN OHNE LEBEN
UND OHNE GESCHMACK DER SÜSSE WEIN.
(Rumi: Lied der Liebe, Verlag: Heyne)
Aus den überlieferten
Reden des Shamsuddin Tabrizi
Nenne den Schlaf der Diener Gottes nicht
Schlaf. Eher ist er wie die Wirklichkeit des Wachseins, denn es
gibt Dinge, die uns wegen unserer Hinfälligkeit und Schwäche während
des Wachseins nicht offenbart werden, aber im Schlaf vermögen wir sie
zu sehen und zu ertragen. Und wenn wir wissend geworden sind, werden
sie uns ohne Schleier gezeigt.
(aus: Rumi: Die Sonne von Tabriz,
Fischer-Verlag)
Wie Azrael einen Mann anblickte, und wie dieser in
den Palast des Salomo floh. Von der Überlegenheit des Gottvertrauens
über die Bemühung und vonderen Nutzlosigkeit:
Ein alter Mann von einfachem
Gemüte floh eines Morgens in Salomos
Gerichtspalast.
Sein Gesicht war bleich vor Angst, die Lippen blau. Da fragte Salomo:
«Mein Herr, was ist geschehen?»
Er sprach: «Auf mich hat Azrael geschaut mit einem Blick voll Haß und
Zorn.»
Der König sprach: «Sagt mir, was kann ich für Euch tun?»
«0 Beschützer meines Lebens», sagte er, «befehlt dem Wind,
Er möge mich von hier nach Indien
tragen. Vielleicht kann euer Diener dort sein Leben retten.»
Nun, die Menschen fliehen vor der Armut: So werden sie zur leichten
Beute von Hoffnung und Gier.
Jene Angst gleicht der Angst vor der Armut; die Gier und das Streben
sind Indien gleich.
Salomo gebot dem Wind — und der trug ihn schnell über das Wasser auf
eine Insel am äußersten Ende Indiens.
Am nächsten Tag zur Zeit der Ratsversammlung fragte Salomo den Engel
Azrael:
«Hast du so zornig auf diesen Muslim geblickt, um ihn von seinem Leben
und Besitz zu trennen?»
Doch Azrael sprach: «Wann habe ich zornig geblickt? Ich sah ihn, als
ich vorüberging. Ich war verwirrt,
Denn Gott hatte mir aufgetragen, seine Seele an diesemTag aus Indien zu
holen.
Verwundert sprach ich da zu mir: <Selbst wenn er hundert Flügel
hätte, nach Indien käme er kaum.»>
Betrachte so die Dinge dieser Welt. Öffne die Augen und sieh! Wovor
sollen wir fliehen? Vor uns selbst? Welche Unrnöglichkeit! Wem sollen
wir uns entziehen? Gott? Welch eine
Verfehlung!
(aus: Rumi: Das Mesnewi, O.W. Barth
Verlag)
O Seele
O Seele, es wird Zeit zu kämpfen:
Lege deine Rüstung an
Und vertreibe deine Furcht.
Reiss der Welt die Maske ab
O Seele, werde jetzt nicht schwach,
Sonst wird es wieder ein Spiel
Von Katz und Maus.
(aus: Rumi, Das Lied der Liebe,
Heyne Verlag)
Lausche dem Schilfrohr
Im Namen Gottes des Gnädigen und
Barmherzigen.
Lausche dem Schilfrohr! Es erzählt
eine Geschichte, die die Trennung beklagt.
Und es sagt: ,,Seit ich vom Schilfbett getrennt, hat meine Trauer
Männer und Frauen zu Wehklagen
gerührt.
Zerrissen von der Trennung ist mein Herz. So kann ich vielleicht den
Schmerz des Liebessehnens enthüllen
Jeder, der weit entfernt von seinem Ursprung zurückgelassen wurde,
wünscht sich die Zeit zurück, als er noch mit ihm vereint.
Überall brachte ich meine wehmütigen Klagen vor. Ich gesellte mich zu
Unglücklichen und Frohlockenden.
Jeder wurde mein Freund auf seine Art; keiner begehrte meine innersten
Geheimnisse zu ergründen.
Mein Geheimnis liegt nicht so weit von meiner Klage doch Auge und Ohr
mangelt es am Licht in dem es erkannt werden könnte.
Der Körper wird nicht von der Seele verhüllt, noch die Seele vom Körper
und doch ist es niemandem erlaubt, die Seele zu schauen.”
Dieser Klang des Schilfrohres ist Feuer, er ist nicht Wind: Wer dieses
Feuer nicht hat, mag nichtig sein!
Es ist das Feuer der Liebe, das im Schilfrohr steckt. Es ist die Glut
der Liebe, die im Wein liegt.
Das Schilfrohr ist der Gefährte eines jeden, der von einem Freund
getrennt wurde: Seine Töne durchbohren unsere Herzen.
Wer sah jemals ein Gift und Gegengift wie das Schilfrohr? Wer sah
jemals einen Verehrer und sehnsüchtig Liebenden wie das Schilfrohr?
Das Schilfrohr erzählt vom blutbefleckten Weg und erzählt Geschichten
von der Leidenschaft des Madschnun.
Nur dem Sinnlosen ist der Sinn vertraut: Die Zunge hat keinen Begleiter
außer dem Ohr.
In unserem Leid sind uns die Tage des Lebens zu wider. Unsere Tage
gehen einher mit brennendem
Kummer.
Sind unsere Tage vergangen, laß sie gehen! Was soll's. Du aber bleibe,
denn nichts ist heilig so wie Du.
Wer kein Fisch ist, wird durch Sein Wasser gesättigt; wer ohne
tägliches Brot ist, dem ist der Tag lang.
Niemand versteht den Zustand des Reifen, solange er roh ist: Deshalb
miissen meine Worte kurz sein.
Leb wohl!
(aus: Feild, Mit den Augen des Herzens, Garbor Verlag)
Gibt es...
Gibt es irgendeinen Liebenden in
dieser Welt, o Muselmanen, das bin Ich.
Gibt es irgendeinen Gläubigen oder christlichen Einsiedler, das bin Ich.
Der Bodensatz des Weines, Mundschenk und Sänger, Harfe und Musik, der
Geliebte und die Kerze, der Trunk und auch des Trunkenen Freude, das
bin Ich.
Die zweiundsiebzig Sekten und Bekenntnisse in der Welt bestehen nicht
in Wirklichkeit: Ich schwör's bei Gott.
Jedes Bekenntnis, jede Sekte, das bin Ich.
Erde und Luft, Wasser und Feuer, ja sogar Körper und Seele, das bin Ich.
Das Höllenfeuer, ihr könnt sicher sein, mit seinen lodernden Vorhöllen,
ja, auch das Paradies, der Garten Eden und die Paradiesjungfrauen, das
bin Ich.
Diese Erde, dieser Himmel und alles, was sie bergen, Engel, Elfen,
Genien und die gesamte Menschheit, das bin Ich.
(aus: Willigis Jäger, Die
Welle ist das Meer, Herder Spektrum)
Anbetung Gottes
Wir sind wie Harfen, Du bist, sie
zu schlagen:
Das Klagen: nicht von uns - von Dir dies Klagen!
Wir sind wie Flöten - unser Sang von Dir,
wir sind wie Berge - Echoklang: von Dir.
Wie Schachfiguren, hin- und hergeschoben,
Sieg und Schachmatt - von Dir ist's, den wir loben.
Wer sind wir denn? Du bist der Seele Seele -
So lang' wir leben, ist's durch Deine Seele!
Wir sind nur Nicht-Sein - unser ganzes Sein
bist Du, o Herr, das Absolute Sein.
Wir sind ja Löwen, aber auf dem Banner,
die jeden Augenblick vom Wind sich regen.
Man sieht ihr Flattern, sieht doch nicht den Wind -
Nie möge uns das Unsichtbare mangeln!
Denn unser Wind und Sein ist Dein Geschenk,
und unser Dasein ist von Dir geschaffen.
Dem Nichtsein zeigst die Süße Du des Seins
und ließt das Nichtsein sich in Dich verlieben.
Nimm nicht zurück die Süße Deiner Gabe!
Nimm nicht zurück den Wein, das Glas, die Labe!
Und nähmst du sie - wer könnte Dich befragen?
Kann Streit das Bild mit seinem Maler wagen?
Blick nicht auf uns, o schaue uns nicht an,
sieh Deine eig'ne Huld und Großmut an!
Wir waren nicht und hatten kein Begehren,
doch Deine Huld könnt' Ungesproch'nes hören -
Das Bild ist vor dem Maler und der Feder
unfähig wie ein Kind im Mutterleibe,
nd vor der Gottesmacht sind alle Wesen
so hilflos wie ein Stoffstück vor der Nadel.
Bald formt Er einen Dämon, bald auch Menschen,
bald ist Sein Bild voll Freude, bald voll Kummer,
und keine Hand bewegt in Abwehr sich,
und keine Rede spricht von Nutz und Schaden.
Und schießen einen Pfeil wir, tun nicht wir es -
Wir sind der Bogen - Gott ist es, der wirkt!
(aus: Rumi, Das Mathnawi,
Sphinx-Verlag)
Yusuf und der Spiegel
Yusuf, dem Inbegriff aller Schönheit, kann man nur einen Spiegel als
Geschenk bringen, wie nur das von allem gereinigte Herz Gottes
Schönheit widerspiegeln kann.
Zum Gast sprach Yusuf: «Wo ist dein Geschenk?»
Da schämte der sich und begann zu klagen:
«Ich hab so viel Geschenke schon gesucht,
doch keins fand ich, das mir ganz würdig schiene.
Wie brächt zur Mine ich ein Körnchen nur?
Wie brächt zum Ozean ein Tröpflein ich?
Ich würde Kümmel ja nach Kirman tragen,
Legt' ich vor dich mein Herz und meine Seele!
Es gibt kein Saatkorn, das ich hier nicht finde -
Nur deine Schönheit, die ist unvergleichlich.
So fand ich's passend, daß ich einen Spiegel
vor dich nun bringe, wie das Licht der Brust,
damit du selbst dein schönes Antlitz schauest,
des Himmels Kerze du, der Sonne gleich.
Ich bring dir einen Spiegel, Leuchtender,
daß mein du denkst, wenn du dein Antlitz siehst!»
So zog den Spiegel unterm Arm er vor -
Der Schöne hat mit Spiegeln nur zu tun.
Was ist der Spiegel für das Sein? Das Nicht-Sein.
So bringe Nicht-Sein als Geschenk, sei klug!
(aus Rumi, Das Mathnawi,
Heyne Verlag)
Wunder
Maulana
erzählte eine Geschichte von den Wundern der Heiligen. Er sagte: Es ist
keine Wundertat und ist nicht so wunderbar, daß jemand von hier zur
Kaaba in einem Tag oder in einem Augenblick geht. Solch ein Wunder tut
auch der Wüstensturm - in einem Augenblick geht er hin, so immer er
auch will. Ein wirkliches Wunder ist, daß Gott dich von einem niederen
Zustand zu einem höheren Zustand bringt, von tadelnswerten Taten uz
lobenswerten Taten zieht, so daß du von dort nach hier, Von
Unwissenheit zum Verstand, vom Unbelebten zum Belebten reisest.
Du
warst zuerst Erde und Mineral, dann brachte Er dich in die
vegetabilische Welt, dann bist du von der vegetabilischen Welt in die
Welt von Sperma und Fötus, von Sperma und Fötus zur animalischen Welt,
von der animalischen Welt zur menschlichen Welt gereist. Das ist das
wahre Wunder, daß Gott dir eine solche Reise gewährt hat. Auf diesen
Wegen und Stationen, durch die du gekommen bist, ist dir niemals
eingefallen und du hast dir nicht vorgestellt, daß du kommen würdest
und auf welchem Weg du gekommen bist und wie du angekommen bist!
  So wie du aus dem Nichts ins Sein gekommen -
  Sag an: wie kamst du? Bist berauscht gekommen!
  Du weißt nicht
mehr, welch Wege du gegangen -
  Doch einen
hinweis sollst du jetzt erlangen.
  Verschließ dein
Ohr und lausch nach drüben hin;
  Laß den Verstand,
versteh den andern Sinn!
  Nein, ich sag's
nicht; du bist noch ungereift -
  Wer noch im Lenz
ist, nicht den Herbst begreift!
(aus: Rumi, Von Allem und
vom Einem, Diederichs Verlag)
Oh Du!
Ich
sagte: Meine Augen.
Er sprach: Sie werden überfließen wie der Oxus.
Ich sagte:
Mein Herz.
Er sprach: Es wird die ganze Nacht lang weinen.
Ich sagte:
Mein Leib
Er sprach: In wenigen Tagen richte ich ihn zugrunde.
Da sagte
ich nichts mehr.
(Rumi, Das Lied der Liebe, Heyne Verlag)
Das Geheimnis der
Wahrheit...
Das Geheimnis der Wahrheit löst keine Frage,
noch kannst du es mit dem Einsatz von Besitz und Prunk erwerben;
solange nicht fünfzig Jahre das Herz in der Kelter ist,
findet keiner aus der Irrsal den Pfad der Tröstung.
(aus Rumi: Die Sonne von Täbriz, Fischer Verlag )
Eine merkwürdige Sache
Wenn du keine Frau hast,
die mit dir zusammenlebt,
warum siehst du dich nicht nach einer um?
Wenn du eine hast, warum bist du nicht zufrieden?
Du setzt deinem Freund keinen Widerstand entgegen.
Weshalb wirst du nicht der FREUND?
Wenn die Flöte zum sagen zu leise ist,
bring ihr Manieren bei.
Jemand hält dich zurück, brich mit ihm.Tagelang sitzt du hier und
sagst: Das ist eine merkwürdige Sache.
Du bist die merkwürdige Sache.
Du hast die Energie der Sonne in dir,
aber du verknotest sie ständig auf der untersten Ebene deines
Rückgrats.
Du bist irgendeine verquere Goldsorte, die flüssig im Schmelzofen
verharren will, damit dir das Münzendasein erspart bleibe.
Sag EINS in deinem abgeschiedenen Haus.
Die Liebe zur Zwei verbirgt sich in deinem Selbst.
Von so vielen Weinsorten wurdest du schon betrunken.
Koste diese. Sie wird dich nicht rasend machen.
Sie ist Feuer. Gib's auf,
wenn du mittlerweile nicht begriffen hast,
dass dein Leben Brennholz ist.Die Redewoge schwillt. Wir sollten sie
besser nicht äußern, sondern wachsen lassen im Innern.
(aus Rumi: Offenes Geheimnis, Knaur Verlag )
Du forderst...
O Geliebter,
heute forderst du noch mehr:
Wir sind doch schon besessen,
und du ziehst noch die letzte Faser unseres
Verstandes heraus.
Du hast uns uns'ren Schleier weggezogen
Und uns're Kleider fortgenommen.
Wir sind jetzt gänzlich nackt!
Und du
hörst nicht auf zu zerren!
(aus: Lied der Liebe, Heyne Verlag)
Mit großen Schmerzen...
Mit großen
Schmerzen atme ich leichter.
Das verängstigte Kind läuft schreiend aus dem Haus.
Ich höre die Sanftheit.
Unter neun
Schichten Täuschung, egal, bei welchem Licht,
auf der Oberfläche jedes Gegenstandes, im Erdreich selbst,
erblick ich dein Gesicht.
(aus:
Offenes Geheimnis, Knaur-Verlag)
Die Sonne muss erscheinen
Seit die
Liebe mein Herz in Scherben gelegt hat,
Muss die Sonne erscheinen und sie erleuchten.
Solche Großzügigkeit hat mich vor Scham zerbrechen lassen:
Der König betete für mich und gewährte mir Sein Gebet.
Wie oft hat er mir, um mich zu beruhigen, Sein Angesicht gezeigt?
Ich sagte: "Ich sah Sein Angesicht", aber es war nur ein Schleier.
Durch das Wegbrennen eines Schleiers verwandelte er ein Universum
in Asche.
O mein Gott! Wie könnte ein solcher König jemals entschleiert werden?
Liebe floh vor mir, und ich folgte Ihm.
Er wandte sich um und taxierte mich wie ein Adler -
Welch ein Segen, Seine Beute zu sein!
Ich tauchte in ein Meer der Extase und entfloh aller Pein.
Sollte Schmerz kein köstlich Fleisch für dich sein,
So deshalb, weil du diesen Wein noch nie gekostet hast.
Die Propheten nehmen alles Leiden an und vertrauen ihm,
Denn noch nie hat das Wasser das Feuer gefürchtet.
(aus: Andrew Harvey & Eryk Hanut, Der Duft der Wüste,
Arbor-Verlag)
Etwas sang...
Mein Herz sprengte seine Ketten.
Etwas sang aus den Fesseln -
"Verwundeter Verrückter... komm!"
Rumi
(aus: Andrew Harvey & Eryk Hanut, Der Duft
der Wüste, Arbor-Verlag)
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