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Selbstbetrug
Solange du Fragen stellst,
von denen du glaubst, dass sie für dich beantwortet werden sollten
- ohne meine Zusicherung zu beachten, dass du gewisse andere Ratschläge
nötiger hättest , so lange werde ich dir nicht helfen
können, und so lange wirst du glauben, dass ich dir nicht von Nutzen
sei.
Du aber, der du die von dir benötigten
Ratschläge nicht kennst, wirst unvermeidlich daraus schliessen,
dass es einen anderen Grund für unsere Disharmonie geben müsse.
Du denkst dir eine Ursache dafür aus und deine Selbstachtung
lässt sie für dich »wahr« werden.
(Scheich
Mir Khan)
Leben: Gelegentlich der Mensch
auf dem Sattel zuweilen der Sattel auf dem Menschen
(Sprichwort)
Es wird ein Ende nehmen, was immer
es auch sei.
(Sprichwort)
Geschichte von der Melonenstadt
Der Regent einer gewissen Stadt
beschloss eines Tages, einen Triumphbogen errichten zu lassen, auf
dass er unter diesem zur Erbauung der Massen in vollem Prunk durchreiten
könne. Als jedoch der große Moment gekommen war, schlug es ihm die
Krone vom Haupt: der Bogen war zu wenig hoch gebaut worden.
In seinem gerechten Zorn verfügte der Regent, dass der Oberbaumeister
erhängt werden sollte. Der Galgen wurde errichtet - aber als man den
Oberbaumeister auf den Richtplatz führte, rief dieser, dass der Fehler
allein bei den Arbeitern zu suchen sei, welche die eigentlichen Bauarbeiten
ausgeführt hatten.
Der König, mit seinem gewohnten Sinn für Gerechtigkeit, zog die Arbeiter
zur Rechenschaft, aber diese entledigten sich der Verantwortung, indem
sie erklärten, dass die Steinhauer die Bausteine in einer falschen
Größe ausgeführt hätten. Diese wieder um betonten, dass sie lediglich
den Befehlen des Architekten nachgekommen seien. Letzterer wiederum
erinnerte den König daran, dass Ihre Majestät in letzter Minute einige
Berichtigungen an seinen Plänen angeordnet hatte, die eine Veränderung
des Konzepts bewirkten.
"Man rufe den weisesten Mann des Landes", befahl der Regent, "denn
dies ist zweifellos ein schwieriges Problem, und wir benötigen dessen
Ratschlag."
Dieser weiseste Mann war hergebracht worden - unfähig, auf den eigenen
Füssen zu stehen, so alt (und damit so weise) war er. "Es ist offensichtlich",
stammelte er, "dass im Rahmen des Gesetzes der tatsächlich Schuldige
bestraft werden muss, und das ist in diesem Falle offenbar niemand
anders als der Triumphbogen selbst."
Seinen Entscheid billigend, befahl der König, dass der beleidigende
Triumphbogen zum Richtplatz gebracht würde. Aber als man ihn dorthin
überführen wollte, wies einer der königlichen Ratsherren darauf hin,
dass der Bogen ein Gegenstand sei, der mit dem erlauchten Haupt des
Monarchen in Berührung gekommen war, und somit niemals durch den Strick
des Henkers entehrt werden dürfe.
Da der ehrwürdige Weise,
vor Anstrengung erschöpft, inzwischen sein Leben ausgehaucht hatte,
konnten ihn die Leute nicht mehr um seine Meinung zu dieser neuen
Feststellung fragen. Die Juristen verfügten jedoch, dass der untere
Teil des Triumphbogens, mit dem nichts in Berührung gekommen war,
für das Verbrechen, das der gesamte Bogen begangen hatte, gehängt
werden könnte.
Aber
als der Henker den Bogen in die Schlinge zu bringen suchte, musste
er feststellen, dass der Strick zu kurz war. Der Hersteller des Stricks
ist herbeigerufen worden, aber dieser erklärte alsbald, dass seiner
Meinung nach das Gerüst des Galgens zu hoch sei - er wies daraufhin,
dass der Fehler bei den Zimmerleuten liege. "Die Menge wird ungeduldig",
sprach der König, "wir müssen somit rasch jemanden finden, der gehängt
werden soll. Wir können Diskussionen über Feinheiten wie Schuld auf
einen späteren, geeigneteren Zeitpunkt verschieben."
In erstaunlich kurzer Zeit wurde die Körpergröße aller Einwohner der
Stadt sorgfältig gemessen, aber man fand nur einen einzigen Menschen,
der so groß war, dass er an den Galgen passte: den König selbst. Die
allgemeine Begeisterung darüber, einen passenden Mann gefunden zu
haben, war so groß, dass sich der König fügen musste. Er wurde gehängt.
"Gott sei Dank, dass wir jemanden gefunden haben", meinte der Premierminister,
"denn falls der Appetit der Menge nicht befriedigt worden wäre, hätte
sich deren Zorn fraglos gegen die Krone gewandt."
Aber es gab Wichtiges zu bedenken - denn plötzlich erkannte man, dass
der König tot war. "Gemäss dem Brauchtum", so verkündeten die Herolde
in den Strassen, "soll der erste Mensch, der durch das Stadttor tritt,
entscheiden, wer unser nächster großer Herrscher sein wird."
Der erste Mensch, der nach dieser Meldung das Tor durch schritt, war
ein Schwachsinniger. Er war ziemlich anders als die vernünftigen Bürger,
die wir recht gut kennengelernt haben - und als man ihn fragte, wer
König werden sollte, antwortete er so gleich: "Eine Melone". Er sagte
dies, weil er jede Frage mit "eine Melone" beantwortet. In der Tat
dachte er an nichts anderes, da er Melonen sehr gern hatte.
Und so kam es, dass eine Melone mit der vorschriftsmäßigen Zeremonie
gekrönt worden ist.
Nun, dies geschah vor vielen, vielen Jahren. Wenn heute die Bewohner
des Landes gefragt werden, warum ihr König eine Melone zu sein scheint,
wird ihnen gesagt: "Aufgrund des Gewohnheitsrechtes. Ihre Majestät
wünscht offensichtlich eine Melone zu sein. Gewiss erlauben wir ihm
eine Melone zu bleiben, bis ihn nach etwas anderem verlangt. Er hat
in unserem Land das Recht, alles zu sein, was er zu sein wünscht -
wir sind damit zufrieden, solange er sich nicht in unser Leben einmischt."
Idries Shah, Karawane der Träume
Das Zauberwort
Durch einen
Glücksfall begegneten die Drei Weisesten Männer des Landes der Narren
Chidr', der auf dieser Erde wandelt, um Weisheit zu vermitteln. "Möchtet
ihr gerne das Wort kennenlernen, mit dem man alles vollbringen kann?"
fragte er sie. "Ja natürlich", sagten die Drei Weisesten Männer. Chidr
sprach: "Seid ihr bereit, es zu vernehmen?" "Ja natürlich", sagten
sie.
Und
so sprach er das Wort aus.
Der Erste Weise Mann sagte: "Aber das Wort kann ja jeder aussprechen",
es ist bestimmt zu nichts gut. Und schon hatte er es vergessen. Der
Zweite Weise Mann sagte: "Dieses Wort erscheint mir nicht gewählt
genug". Und er merkte, daß er es nicht im Gedächtnis behalten konnte.
Der Dritte Weise Mann sagte: "Man kann es niederschreiben, deshalb
taugt es sicher nichts. Es klingt auch nicht so, wie ich es erwartet
habe, deshalb ist es auch nicht die richtige Art Zauberwort."
Da bemerkten sie eine Abordnung gewöhnlicher Bürger des Landes der
Narren, die von ihrer Weisheit trinken wollten, und so eilten sie
von dannen ,um ihren Pflichten nachzukommen.
Idries
Shah (Die Hautprobe)
Der Mann, der
übers Wasser ging
Ein dem Herkömmlichen verbundener Derwisch
aus einer strengen frommen Schule wanderte eines Tages am Ufer eines
Flusses entlang. Er war vertieft in Gedanken über moralische und
gelehrte Probleme, denn das war die Art der Sufischulung, zu der es
in der Gemeinschaft, der er angehörte, gekommen war. Er stellte
die fromme Bewegtheit des Gemütes mit dem Suchen nach der letzten
Wahrheit auf dieselbe Stufe.
Plötzlich wurden seine Gedanken von einem lauten Rufen unterbrochen.
Jemand rief, und er rief den Derwischruf. Der Derwisch aber dachte bei
sich: ,,So hat das keinen Zweck, denn der Mann spricht die Silben falsch
aus. Statt Ya Hu zu intonieren sagt er U Ya Hu"
Dann wurde ihm klar, daß er als besserer Kenner dieser Übung
die Pflicht habe, den unglücklichen Menschen zu korrigieren, der
vielleicht nicht richtig angeleitet worden war und daher einfach nur
versuchte, sein Bestes zu tun bei der Einstimmung auf das Wesentliche,
das hinter den Lauten liegt.
So mietete der Derwisch ein Boot und fuhr zu der Insel hinüber,
die mitten im Strome lag, von der die Rufe zu kommen schienen.
Dort fand er einen mit dem Derwischgewand bekleideten Mann in einer
Schilfhütte sitzen. Er wiegte sich im Takt des einweihenden Derwischrufes,
den er wieder und wieder ertönen ließ.
,,Mein Freund", sagte der erste Derwisch, ,,du sprichst die Worte
falsch. Es ist meine Pflicht, dir das zu sagen, denn es ist verdienstlich,
Rat zu geben und Rat zu empfangen. Du mußt die Worte auf folgende
Weise intonieren - und er zeigte es ihm.
,,Ich danke dir", sagte der andere Derwisch demütig.
Der erste Derwisch stieg wieder in sein Boot, voller Zufriedenheit,
weil er etwas Gutes getan hatte. Immerhin heißt es, daß
der Mensch, der die heilige Formel korrekt wiederholt, sogar auf dem
Wasser wandeln kann; er hatte das noch nie gesehen, hoffte jedoch noch
immer - aus irgendeinem Grunde
- es einmal zuwege bringen zu können.
Nun hörte er nichts mehr aus der Schilfhütte, aber er war
sicher, daß sein Unterricht gut aufgenommen worden war.
Dann aber hörte er ein gestammeltes U Ya- denn der zweite Derwisch
rief den Ruf wieder auf die alte Art....
Während der erste Derwisch sich hierüber noch Gedanken machte
und über die Verderbtheit der Menschheit und die Hartnäckigkeit
des Irrtums im allgemeinen nachsann, bot sich ihm plötzlich ein
merkwürdiger Anblick: Der andere Derwisch kam von der Insel zu
ihm herüber gelaufen, -; ja, er wandelte auf dem Wasser. ...
- Verblüfft ließ; er die Ruder sinken. Der zweite Derwisch
kam zu ihm heran und rief: ,,Bruder, es tut mir leid, dir Mühe
zu bereiten, aber ich mußte herkommen, um dich noch einmal nach
dieser Methode zu fragen, damit ich die Worte auf die richtige Weise
wiederhole, habe ich doch Schwierigkeiten, es zu behalten."
Das Geheimnis
der Derwische
Wenn ein Liebender ein Dichter
ist, bin ich ein Dichter;
Wenn ein Dichter ein Magier ist, bin ich ein Magier;
Wenn man den Magier für böse hält, so mag man mich für
böse halten;
Und heißt als böse gelten, nicht bei den Weltlichen beliebt
zu sein, ich bin's zufrieden.
Liebt doch sehr oft, wer von den Weltlichen gemieden wird, die wahre
Wirklichkeit.
Ich sage: ich bin ein Liebender!
Mühe
Ein Mann ging einst zu einem Derwisch und verbrachte
bei ihm so viel Zeit, wie ihm zugestanden wurde. In der Hoffnung,
den rechten Zeitpunkt getroffen zu haben, sagte er eines Tages: "Ich
möchte im Leben Erfolg haben." Der Derwisch sagte: "Zwei
Jahre lang gehe in den Straßen dieser Stadt auf und ab und rufe
dabei von Zeit zu Zeit: ,Alles ist verloren!' Dann eröffne einen
kleinen Laden."
Als der Mann schließlich seinen Laden aufmachte, kannte ihn
jedermann in der Stadt, und von den meisten wurde er gemieden, weil
sie ihn ja für einen verrückten Derwisch hielten. Am Ende
jedoch gewann der Mann ihr Vertrauen. Sein Geschäft begann zu
florieren, und nach und nach schloß der Mann jede seiner Unternehmungen
ungewöhnlich erfolgreich ab.
Zu Reichtum und Einfluß gekommen, suchte er den Derwisch auf,
der ihn beraten hatte, und fragte ihn:
"Welcher Zauber lag in dem Ausruf ,Alles ist verloren'?"
Der Derwisch sagte: "Sein Nutzen bestand darin, dich in eine
fast aussichtslose Situation zu versetzen. Du hast dann so sehr mit
Widrigkeiten kämpfen müssen, daß dein Aufstieg an
die Spitze unvermeidlich wurde"
Der Mann sagte: "Wie hast du, als Mann Gottes, den Umgang mit
solch materiellen Abläufen beherrschen gelernt?"
Der Derwisch sagte: "Durch Analogiebildung. Ich habe nur die
Mittel, die ein spiritueller Mensch anwenden muß, auf die Bedürfnisse
der niederen Welt zugeschnitten: Und da gab es dann keinen Zweifel
mehr am Ausgang der Dinge."
Die Hautprobe
Rituale
Die Entstehung von Ritualen
Wenn das Wissen um diese Unterschiede
verschwindet, entsteht das Ritual, oder anders ausgedrückt, die
eingeschränkte Nutzung solcher Prozesse. Wenn Nutzung und Möglichkeit
begrenzt sind, sind die Auswirkungen gering, und sie können sogar
schädlich sein. Saadi sagt: >Selbst wenn der Feueranbeter sein
Feuer hundert Jahre lang hütet, wird er sterben, wenn er hineinfällt.
<
Denken wir an das Gebet. Wenn Gebete von Menschen gesprochen werden,
die eine gewisse Schulung durchgemacht haben, und wenn man die richtige
Einstellung hat, dann wird das Gebet eine Art von Wirkung haben.
Wenn man die Leute zum Gebet ermutigt, ohne diese und andere Dinge
zu achten, dann kann Gebet nur zum psychotherapeutischen Werkzeug
werden: Es ist dann ungemein wertvoll, aber doch auf einer niedrigeren
Stufe. Im günstigsten Fall kann eine höhere Stufe erreicht werden.
Emotionen verwechselt mit höheren
Gefühlen
In einem solchen Fall
verwechselt man Gefühlsregungen mit spirituellen Erfahrungen. Dagegen
kann man nur einwenden, daß eine Person oder eine Gemeinschaft, die
erst einmal gelernt hat, das Gebet als Auslösemechanismus für Gefühle
zu betrachten, kaum noch in der Lage sein wird, sich weiter zu entwickeln,
denn die konditionierte Reaktion, die beim gemeinsamen Gebet zuverlässig
erfolgt, wird wieder nur eine gefühlsmäßige sein.
Gemeinschaften und einzelne,
die mit einem gefühlsbetonten und konditionierten Umgang mit Ritualen
und anderen Zeremonien großgeworden sind, müssen sich neu orientieren,
bevor sie den höheren Gehalt solcher Einrichtungen wahrnehmen können.
Das ist deshalb schwierig,
weil die Menschen in der Regel eine Vertiefung der ihnen vertrauten
Erfahrungen suchen, nicht eine Weiterentwicklung über sie hinaus.
Saadi sagt in seinem Bostan: >Mein Kind, erwarte keinen Lohn von
Omar, wenn du im Haus von Zaid arbeitest.<
Wege des Lernens
Als
das Wasser ausgetauscht wurde
Einst
wandte sich Khidr, der Lehrer des Mose, mit einer Warnung an die Menschheit.
An einem bestimmten Tage, so sagte er, werde alles Wasser der Welt,
das nicht auf eine bestimmte Weise gesammelt wurde, verschwinden.
Es werde jedoch dann durch ein anderes Wasser ersetzt, das den Menschen
verrückt macht.
Nur
eine einziger Mann erkannte die Bedeutung dieses Rats und ging daran,
ihn zu befolgen. Er sammelte Wasser, lagerte es an einem sicheren
Ort und wartete darauf, dass das Wasser sich verändere.
Zur
angekündigten Frist hörten die Flüsse auf zu fließen
und die Brunnen trockneten aus. Als der Mann, der gehorcht hatte,
sah, wie sich dies alles ereignete, ging er zu der geheimen Stätte,
und trank von dem Wasser, das er gerettet hatte.
Von
der sicheren Zuflucht aus bemerkte er, daß die Wasserfälle
wieder zu strömen begannen, und er stieg zu den anderen Menschenkindern
hinab. Der Mann stellte fest, daß sie völlig anders dachten
und sprachen als früher. Sie erinnerten sich weder an das, was
sich zugetragen hatte noch daran, daß sie gewarnt worden waren.
Als er versuchte, mit ihnen zu sprechen, mußte er feststellen,
daß sie ihn für verrückt hielten. Auch zeigten sie
sich ihm gegenüber feindselig oder mitleidig, oder sie verstanden
ihn nicht.
Anfangs
trank er nicht von dem neuen Wasser, sondern kehrte jeden Tag in sein
Versteck zurück, um sich zu versorgen. Indessen entschloß
er sich am Ende doch, von dem neuen Wasser zu trinken, weil er die
Einsamkeit nicht mehr ertragen konnte, dieses Leben, in dem er sich
anders benahm und so anders dachte als alle anderen. Er trank das
neue Wasser und wurde genauso wie die anderen Menschen. Da vergaß
er schließlich auch völlig den eigenen geheimen Wasservorrat,
und seine Mitmenschen betrachteten ihn bald als einen, der verrückt
gewesen war, aber auf wunderbarer Weise seine geistige Gesundheit
wieder erlangt hatte.
Geheimnis der Derwische
Der Derwisch-Pfad
Abul Hassan
bestand darauf: "Über die Dinge der Welt nachzugrübeln,
hat nichts mit dem Derwisch-Pfad zu tun. Über die kommende
Welt nachzugrübeln, hat nichts mit dem Derwisch-Pfad zu
tun. Beides verhält sich zueinander wie Gestern und Morgen.
Wie das Heute - etwas Ähnliches, aber dochetwas ganz Eigens
- so ist der Derwisch-Weg."
Ein gelöstes
Problem ist für den Geist des Menschen so brauchbar, wie
ein zerbrochenes Schwert auf dem Schlachtfeld.
(Sprichwort)
Die Hautprobe
Wie das Wissen erworben wurde
Es
war einmal ein Mann, der zu dem Schluß kam, er brauche Erkenntnis.
Er machte sich auf, um danach zu suchen, indem er sich zum Haus eines
gebildeten Mannes begab.
Dort sagte er: „Sufi, du bist ein weiser Mann! Gib mir etwas
von deinem Wissen ab, so daß ich es wachsen lassen kann und
etwas aus mir wird, denn ich fühle, daß ich nichts bin."
Der Sufi sagte: „Ich kann dir das Wissen im Tausch für
etwas geben, was ich selber brauche. Geh und bring mir einen kleinen
Teppich, denn den muß ich jemandem geben, der dadurch unser
heiliges Werk zu fördern vermag!"
So machte der Mann sich auf den Weg. Er kam zu einem Teppichladen
und sagte dem Besitzer: „Gib mir einen Teppich, nur einen kleinen
Teppich, denn ich muß ihn einem Sufi geben, der mir Wissen geben
wird. Er braucht den Teppich, um ihn jemandem zu geben, der imstande
ist, unser heiliges Werk zu fördern."
Der Teppichhändler sagte: „Das betrifft deine Lage und
das Werk jenes Sufis und ist das, was jener Mann braucht, der den
Teppich bekommen soll. Aber was ist mit mir? Ich brauche Garn zum
Teppichweben. Bring mir welches, und ich werde dir helfen."
So ging der Mann weiter und suchte jemanden, der ihm Garn geben konnte.
Als er zur Hütte einer Spinnerin kam, sagte er zu ihr: »Spinnerin,
gib mir Garn. Ich muß es für den Teppichhändler haben,
der mir einen Teppich geben wird, den ich einem Sufi geben werde,
der ihn einem Manne geben wird, der unsere heilige Arbeit fördern
soll. Dafür werde ich Wissen empfangen, das ich mir wünsche."
Die Frau antwortete sogleich: „Du brauchst Garn, aber was ist
mit mir? Laß das Gerede über dich und deinen Sufi und deinen
Teppichhändler und den Mann, der den Teppich bekommen muß.
Was ist mit mir? Ich brauche Ziegenhaar, um Garn zu machen. Bring
mir etwas und du kannst dein Garn bekommen."
So ging der Mann weiter, bis er zu einem Ziegenhirten kam, und erzählte
ihm, was er brauchte. Der Ziegenhirte sagte: „Und was ist mit
mir? Du brauchst Ziegenhaar, um Wissen zu kaufen, ich brauche Ziegen,
um das Haar zu beschaffen. Bring mir eine Ziege, und ich werde dir
helfen."
So ging der Mann weiter und suchte jemanden, der Ziegen verkaufte.
Als er so einen Mann fand, erzählte er ihm seine Schwierigkeiten,
und der Mann sagte: „Was weiß ich über Wissen oder
Garn oder Teppiche? Alles, was ich weiß, ist, daß jeder
offensichtlich auf seinen eigenen Vorteil bedacht ist. Laß uns
statt dessen lieber von dem sprechen, was ich brauche, und wenn du
mir das besorgen kannst, dann werden wir uns über Ziegen unterhalten,
und du kannst so viel über Wissen nachdenken, wie du willst."
„Was brauchst du denn?" fragte der Mann.
„Ich brauche ein Gehege, um meine Ziegen nachts darin zu halten,
denn sie streunen überall in der Gegend herum. Bring mir eines,
und dann können wir uns über ein oder zwei Ziegen für
dich unterhalten."
Der Mann wanderte weiter, um ein Gehege zu suchen. Seine Erkundigungen
brachten ihn zu einem Zimmermann, der sagte: „Ja, ich kann ein
Gehege für diesen Mann machen. Im übrigen aber, hättest
du dir die Einzelheiten sparen können, denn ich interessiere
mich nicht für Teppiche oder Wissen oder desgleichen. Aber ich
habe einen Wunsch, und es ist dein eigener Vorteil, wenn du mir zu
seiner Erfüllung verhilfst. Andernfalls brauche ich dir nicht
mit deinem Gehege zu helfen."
„Und was ist das für ein Wunsch?" fragte der Mann.
„Ich möchte heiraten, und es scheint, daß niemand
mich heiraten will. Sieh zu, daß du mir eine Frau verschaffst,
und dann werden wir uns über deine Probleme unterhalten."
Da ging der Mann weiter, und nachdem er sich gründlich umgehört
hatte, fand er endlich eine Frau, die sagte: „Ich kenne eine
junge Frau, die keinen anderen Wunsch hat, als genauso einen Zimmermann
zu heiraten, wie du ihn beschreibst. Sie hat tatsächlich ihr
ganzes Leben nur an ihn gedacht. Es muß eine Art Wunder sein,
daß es ihn gibt, und daß sie durch dich und mich von ihm
erfahren kann. Aber was ist mit mir? Jeder will, was er will, und
die Leute scheinen alles mögliche zu brauchen oder zu wünschen
oder bilden sich ein, daß sie Hilfe brauchen oder wollen wirklich
Hilfe haben, aber bislang hat noch niemand danach gefragt, was denn
ich brauche."
„Und was brauchst du?" fragte der Mann.
„Ich möchte nur eines", antwortete ihm die Frau, „und
ich habe es mir schon mein Leben lang gewünscht. Hilf mir, es
zu bekommen, und du kannst alles haben, was ich besitze. Was ich mir
wünsche - nachdem ich alles andere kennengelernt habe, das ist
- Wissen."
„Aber wir können das Wissen nicht erlangen ohne einen Teppich",
sagte der Mann.
„Ich weiß nicht, was Wissen ist, aber ich bin überzeugt
davon, daß es kein Teppich ist", erwiderte die Frau.
„Nein", sagte des Mann und merkte, daß er Geduld
haben mußte, „aber mit dem Mädchen für den Zimmermann
können wir das Gehege für die Ziegen bekommen. Mit dem Gehege
für die Ziegen können wir Ziegenhaar für die Spinnerin
bekommen. Mit dem Ziegenhaar können wir Garn bekommen. Mit dem
Garn können wir den Teppich bekommen. Durch den Teppich aber
können wir das Wissen erlangen."
„Das klingt töricht für mich", entgegnete die
Frau, „und was mich angeht, so werde ich da nicht mitmachen."
Ungeachtet seines Bitten, schickte sie ihn fort.
Diese Schwierigkeiten und die Verwirrung, in die sie ihn brachten,
ließen ihn schließlich beinahe an der Menschheit verzweifeln.
Er zweifelte daran, ob er das Wissen überhaupt würde anwenden
können, auch wenn er es schließlich doch bekäme. Und
er hätte gerne gewußt, warum all diese Leute nur an ihren
eigenen Vorteil dachten. Und mit des Zeit dachte er schließlich
nur noch an den Teppich.
Eines Tages wanderte dieser Mann, vor sich hinmurmelnd, durch die
Straßen einer Marktstadt.
Da war nun ein Kaufmann, der ihn hörte und sich an ihn heranmachte,
um seine Worte zu verstehen. Er hörte den Mann sagen: „Es
wird ein Teppich gebraucht, um ihn einem Manne zu geben, damit dieser
imstande ist, unser heiliges Werk zu tun."
Der Kaufmann erkannte, daß es mit dem Wanderer eine besondere
Bewandtnis hatte, und sprach ihn an:
„Wandernder Derwisch, ich verstehe deinen Singsang nicht, aber
ich habe größte Hochachtung für Leute wie dich, die
mitwandern auf dem ,Pfade der Wahrheit'. Bitte hilf mir, wenn du willst,
denn ich weiß, daß die Sufis eine bestimmte Aufgabe unter
den Menschen haben."
Der Wanderer schaute auf und sah den Kummer im Gesicht des Kaufmanns
und sagte zu ihm: „Ich leide, und ich habe gelitten. Du hast
zweifellos Kummer, aber ich habe nichts für dich. Ich kann nicht
einmal ein Stück Garn bekommen, wenn ich es brauche. Doch frage
mich nur, und ich will alles tun, was ich kann."
„Höre, glückbringender Mann!" sagte der Kaufmann,
„ich habe eine einzige und schöne Tochter. Sie leidet an
einer Krankheit und siecht dahin. Gehe zu ihr und vielleicht bist
du es, der ihr Heilung bringt."
Das also war der Kummer des Mannes, und seine Hoffnung war so groß,
daß der Wanderer mit ihm an das Bett des Mädchens ging.
Sowie sie ihn sah, sagte sie: „Ich kenne dich nicht, aber ich
fühle, daß du es bist, der mir vielleicht helfen kann.
Ich weiß jedenfalls sonst niemanden. Ich liebe einen bestimmten
Zimmermann." Und sie nannte den Namen des Mannes, den der Wanderer
gebeten hatte, ihm das Gehege für die Ziegen zu bauen.
„Deine Tochter möchte einen gewissen ehrenwerten Zimmermann
heiraten, den ich kenne", berichtete der Kaufmann. Der Kaufmann
war überglücklich, denn er hatte in seinem Herzen schon
gemeint, das Gerede des Mädchens über den Zimmermann sei
ein Ausdruck, nicht aber die Ursache ihrer Krankheit. Er hatte nämlich
gedacht, sie sei verrückt.
Der Wanderer ging zu dem Zimmermann, der das Gehege für die Ziegen
anfertigte. Der Ziegenverkäufer bot ihm einige schöne Tiere
an; er brachte sie dem Ziegenhirten, der ihm Ziegenhaar gab, das er
der Spinnerin brachte, die gab ihm Garn. Dann brachte er dem Teppichhändler
das Garn, der gab ihm einen kleinen Teppich.
Diesen Teppich brachte er schließlich dem Sufi. Als er zu dem
weisen Manne kam, sagte dieser: „Jetzt kann ich dir das Wissen
geben; denn du konntest mir den Teppich erst bringen, wenn du dich
für den Teppich einsetzt, nicht aber für dich selber."
Die
„verborgene Dimension" des Lebens, durch deren Kenntnis
ein Sufimeister seine Schüler bewegt - manchmal, indem er ihnen
ein Joch auferlegt - trotz egoistisches Begierden doch die Entwicklung
durchzumachen, ist in dieser Geschichte gut dargestellt.
Sie stammt aus den mündlichen Überlieferungen des Derwische
von Badakshan. In der hieß vorliegenden märchenhaften Form
ist sie geprägt von Khwaja Mohamed Baba Samasi. Er war der Große
Meister des Ordens der Meister, der dritte in der Traditionskette
vor Bahaudin Nagshband. Er starb 1354.
Das Geheimnis
der Derwische
Der
Hund, der Stock und der Sufi
Eines
Tages ging ein als Sufi gekleideter Mann die Straße entlang,
traf auf einen Hund und schlug ihn hart mit seinem Stock. Der Hund
jaulte vor Schmerzen auf und rannte zu dem großen Weisen
Abu-Said. Er warf sich ihm zu Füßen und hielt ihm die
verletzte Pfote hin und verlangte für den Sufi, der ihn so
grausam mißhandelt hatte, die verdiente Strafe.
Der Weise rief sie beide vor sich. Dem Sufi sagte er: „O
du Unachtsamer! Wie kannst du nur ein dummes Tier so mißhandeln!
Sieh, was du angerichtet hast!"
Der Sufi antwortete: „Weit gefehlt! Es ist nicht meine Schuld,
es ist die des Hundes. Ich habe ihn nicht aus bloßer Laune
geschlagen, sondern weil er mein Gewand beschmutzt hat."
Aber der Hund bestand auf seiner Beschwerde.
Da wandte Abu-Said, der Unvergleichliche, sich an den Hund: „Statt
auf das Letzte Gericht zu warten, erlaube mir, dir eine Entschädigung
für deine Schmerzen zu geben."
Der Hund sagte: „Großer und weiser Herr! Als ich diesen
Mann im Gewände eines Sufi sah, konnte ich daraus schließen,
daß er mir kein Leid antun würde. Hätte ich einen
Menschen vor mir gehabt, der gewöhnliche Kleider trägt,
wäre ich ihm in einem großen Bogen ausgewichen. Tatsächlich
war es mein Fehler anzunehmen, daß die äußere
Erscheinung eines ,Mannes der Wahrheit' Schutz und Sicherheit bedeutet.
Wenn du ihn strafen willst, so nimm ihm das Kleid der Auserwählten
fort. Entziehe ihm das Gewand der ,Leute der Rechtschaffenheit'..."
Der Hund selber hatte einen bestimmten „Rang auf dem Pfade".
Es ist falsch anzunehmen, ein Mensch müsse unbedingt besser
sein als er.
Das äußere Ansehen, das einem Derwisch schon sein Gewand
verleiht wird von Quasi-Esoterikem und religiösen Menschen
aller Art oft mißverstanden, so als stünde dieses Äußere
mit der wahren Erfahrung und dem Wert einer Person in Verbindung.
Die vorliegende Geschichte stammt aus Attars „Göttlichem
Buch" (Ilahi-Nama) und wird immer wieder von den Derwischen
des „Pfades des Tadelns" erzählt und Hamdun, dem
Bleicher, zugeschrieben, der im 9. Jahrhundert lebte.
Das
Geheimnis der Derwische
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