AUGUSTINUS
Ein für alle Mal schreibt
dir ein kurzes Gebot folgendes vor:
Liebe und tu was du willst!
Wenn du schweigst, schweige aus Liebe;
sprichst du, so sprich aus Liebe;
wenn du tadelst, so tadle aus Liebe;
wenn du verzeihst, so verzeihe aus Liebe.
Die Wurzel der Liebe soll das Innerste deines Herzens sein:
Aus dieser Wurzel kann nichts als Gutes hervorkommen.
ATTAR
Wie sollte ich dein Antlitz sehen,
da du dich dem Blick nicht zeigst?
Du kommst zu keinem. Ich weiß ja, du kommst bei dir selbst an
kein Ende.
Von wem soll ich deinen Ort erfragen, wo doch kein Ort dich fassen kann?
Wen soll ich nach Nachricht über dich fragen, wo doch keine Nachricht
dich enthalten kann?
Wer bist du eigentlich, o mein Leben, der du dich, wenn ich dich beschreibenwill,
Ob deiner großen Vollkommenheit der Beschreibung entziehst?
Von einer wunderbareren Perle als dir habe ich nie gehört, noch
habe ich eine gesehen;
Denn das Meer kann dich nicht fassen, und aus der Tiefe tauchst du nicht
auf
Was sitzt du hinter dem Vorhang? Wie kommt es, daß du den Liebenden.
Da du ihnen (schon) keinen Zucker gibst, nicht (wenigstens) Salz für
die Leber wirst?
Mein ganzes Herz hast du in Besitz genommen. Wann werde ich dich erreichen?
Mag ich noch so viel ans Tor des Herzens klopfen, du kommst daraus doch
nicht heraus!
Du komm! Wenn dir das Leben Attars gefällt,
So schenkt er es dir. Aber so weit läßt du dich nicht herab!
Die Anekdote vom Nackten (Attar)
Ein Verrückter, ein Narr Gottes, ging nackt
umher, während alle anderen Menschen Kleider trugen. "O Gott,
gib mir ein schönes Gewand", sagte er, "dann werde ich
zufrieden sein wie die anderen Menschen." Da antwortete ihm eine
Stimme aus der unsichtbaren Welt: "Ich habe dir eine warme Sonne
geschenkt. Setz dich nieder und freue dich an ihr." Der Verrückte
erwiderte: " Warum bestrafst du mich, hast du kein besseres Gewand
als die Sonne?" "Habe Geduld und warte zehn Tage", forderte
die Stimme ihn auf, "dann werde ich dir ohne weiteres Widerstreben
ein anderes Gewand schenken." Die Sonne versengte ihn acht Tage
lang; dann kam ein armer Mann des Weges und schenkte ihm ein Gewand
mit tausend Flicken. Da sagte der Narr zu Gott: "O du, dem die
verborgenen Dinge bekannt sind, warum hast du mir dieses geflickte Gewand
gegeben? Hast du alle anderen Gewänder verbrannt, daß du
dieses eine so zusammenflicken mußtet? Du hast tausend Kleider
zu einem zusammengenäht. Von wem hast du diese Kunst gelernt?"
Es ist nicht leicht am Hofe Gottes zu verkehren. Man muß wie der
Staub auf der Straße werden, die dorthin führt. Glaubt man
nach langer Mühsal, sein Ziel erreicht zu haben, entdeckt man,
daß es immer noch in weiter Ferne liegt.
Anekdote vom Imam Hambal
Ahmed Hambal war der Imam seiner
Zeit, und seine Verdienste ließen sich mit Worten nicht beschreiben.
Einmal wollte er sich von seinen Studien und seinem hohen Rang ausruhen
und ging aus, um sich mit einem Mann zu unterhalten, der sehr arm war.
Jemand, der ihn dabei beobachtete, tadelte ihn und sagte: "Es gibt
keinen gelehrteren Mann als dich, du hast es nicht nötig, dich
nach der Meinung anderer zu richten, und doch verbringst du deine Zeit
mit einem armen Teufel, der barhäuptig ist und barfuß geht."
"Es stimme", sagte der Imam, "daß ich im Hadith
und in der Sunna den Poloball davongetragen habe und mehr weiß
als dieser Mann, doch was die Erkenntnis anbelangt, ist er Gott näher
als ich."
Du, der du aus Unwissenheit ungerecht
bist, denke wenigstens einen Augenblick lang über die Rechtschaffenheit
jener Menschen nach, die sich auf dem Weg des Geistes befinden.
UNBEKANNT
Meine Größte Heldentat
besteht nicht darin niemals hinzufallen,
sondern jedesmal wieder aufzustehen,
wenn ich gestürzt bin!
OSHO
Ein reifer Mensch verliebt
sich überhaupt nicht mehr - er "fällt" nicht in
die Liebe, sondern er "steigt auf" in die Liebe.
Nur unreife Leute fallen. Sie stolpern und stürzen sich Hals über
Kopf in die Liebe. Sie konnten sich gerade so recht und schlecht auf
den Beinen halten, aber nun können sie nicht länger allein
stehen. Kaum haben sie eine Frau gefunden, fallen sie um; kaum haben
sie einen Mann gefunden fallen sie um. Sie waren schon immer bereit
sich fallen zu lassen und auf allen vieren zu kriechen. Sie haben kein
Rückgrat, keinen Halt, sie haben nicht die Integrität, um
allein auf eigenen Füssen zu stehen.
Ein reifer Mensch besitzt die Integrität, um allein zu sein. Und
wenn ein reifer Mensch Liebe gibt, dann tut er es bedingungslos, dann
gibt er einfach.
(Mann und Frau)
Ein mächtiger König,
der über viele Länder herrschte,konnte sich den Luxus leisten,
weise Menschen zu gewöhnlichen Dienern zu haben. Und dennoch fühlte
er sich eines Tages ratlos und rief seine Weisen zu sich.
Er sagte: " Ich weiß nicht warum, aber irgendetwas in mir
verlangt nach einem besonderen Ring, einem Ring, der mir mein inneres
Gleichgewicht zurückgibt.
So einen Ring brauche ich - und er muß folgende Eigenschaften
haben:
Wenn ich unglücklich bin, muß mich sein Anblick froh, und
wenn ich froh bin, muß er mich traurig machen können. "
Die Weisen Männer hielten Rat und dachten tief darüber nach.
Schließlich entschieden sie, wie dieser Ring beschaffen sein müsse,
um dem Wunsch ihres Königs zu entsprechen.
Der Ring den sie anfertigen ließen, trug die Aufschrift:
Auch das geht vorüber."
Nicht bevor du stirbst ( Osho Verlag)
Shibli wurde gefragt: "Wer hat
dir den Weg gezeigt?"
Shibli antwortete: "Ein Hund. Ich sah ihn, wie er eines Tages am
Rande des Wassers stand - halbtot vor Durst: Jedesmal wenn er trinken
wollte, schrak er vor seinem Spiegelbild im Wasser zurück, weil er
glaubte, einen anderen Hund vor sich zu haben.
Schließlich wurde seine Not so groß, daß er alle Furcht
beiseite warf und ins Wasser sprang....
worauf sich das Spiegelbild auflöste.
Der Hund fand, daß das einzige
Hindernis zwischen ihm und dem, was er suchte, sich aufgelöst hatte
- nämlich er selbst.
Genauso verschwand auch das, was mich
gehindert hatte, als ich begriff, daß es allein das war, was ich
für mein eigenes Ich gehalten hatte.
So wurde mit mein Weg offenbart - durch das Verhalten eines Hundes."
(aus: OSHO, Nicht bevor du stirbst, Osho-Verlag)
DOSTOJEWSKIJ
Einen Menschen lieben heisst, ihn so sehen,
wie Gott ihn gemeint hat.
LAILA
Ich schreite durch diesen Tag nur einmal
Darum:
Alles Gute, das ich tun kann, jedes Liebe,
das ich einen Mitmenschen erweisen kann,
laß mich sofort tun.
Laß es mich nicht aufschieben,
laß es mich nicht versäumen,
denn ich gehe diesen Weg nicht wieder.
SCHEICH AL AKBAR
Die
verschiedenen Arten des Wissens über die Erscheinungswelt sind in
ständiger Bewegung, das Erkennen des Gesichts verändert sich
nicht.
Die verschiedenen Arten des Wissens bestätigen und verwerfen wir
allesamt, wir trennen sie voneinander und durchlaufen sie Zustand für
Zustand.
Mein Gott! Wie kann Anderes-als-Du Dich kennen, wenn Deinesgleichen
Tabârak und Ta'âlâ entspricht? Mein Gott! Wie kann
Anderes-als-Du Dich kennen? Wie kann anderes ein Mithâl (Gleichnis)
für Dich sein? Wer immer den Pfad ohne Führung sucht, mein
Gott! Er sucht das Unmögliche.
Mein Gott! Wie können Herzen nach Dir verlangen, ohne auf Nähe
und Vereinigung zu hoffen?
Mein Gott! Wie kann Anderes-als-Du Gnosis von Dir haben? Nein und nochmals
nein.
Mein Gott! Wie können Augen Dich sehen, wo du doch weder Licht noch
Dunkel bist?
Mein Gott! Ich betrachte mich nicht als anders-als-Du! Wie kann ich das
Unmögliche sehen oder irre gehen? Mein Gott! Du bist Du! Und ich
erhoffe mir, das Geschenk von Deiner Ich-heit zu erhalten.
Ich erhoffe es mir von einer Armut, die aufgrund meiner Existenz zu mir
gehört, welche Deinem Reichtum entsprungen ist, daher ist diese Armut
ein Zustand.
Er gab zu erkennen, vielleicht werde Er mich Ihm offenbaren, und Er betrachtete
mich nicht als Anderes-als-Er, folglich war ich nur eine Fata Morgana.
Wer der Fata Morgana folgt, sucht Wasser. Für ihn ist die Quelle
des Lebens kaltes Wasser.
Ich bin ein Teil der Erscheinungswelt, und es gibt nichts wie mich!
Wer bin ich, oder wer ist Er vor der Möglichkeit von Mithâl
(Ahnlichkeit, Abbild)?
Das ist eine der wunderbarsten Sachen, daher gebt acht! Vielleicht werdet
ihr feststellen, daß es wie ein sich verändernder Zustand ist.
In der Erscheinungswelt gibt es nichts anderes als individuelle Existenzen,
die nicht gleichgesetzt oder erfaßt wer den können.
(Abd al-Qadir as-Sufi: Was ist Sufismus)
FADWA TUQAN
Willst
Du mir dieses Tor nicht öffnen?
Meine Hände sind müde geworden,
und noch klopfe ich, klopfe an Deine Tür.
Zu Deinem Hofe kam ich,
erbittend ein wenig Ruhe,
ein wenig Frieden sei mir beschieden.
Aber Dein Hof ist verschlossen vor mir,
in Schweigen gehüllt...
O Herr des Hauses -
Offen war einstmals dies Tor
und der Platz eine Zuflucht
für alle mit Schmerzen Belad‘nen.
Offen war einstmals dies Tor,
und der Ölbaum grün, frei sich streckend,
umarmte zärtlich das Haus.
Und das Öl leuchtete schon ohne Feuer.
Des Wächters Schritte leiteten sicher des Nachts,
und die Gebeugten unter der Last der Erde,
sie ruhten selig in dieser friedlichen Stille Fluten.
Hörst Du mich, Herr des Hauses?
Ich, die verloren in einsamen Wüsten ferne von Dir,
kehre jetzt zu Dir heim.
Aber Dein Hof ist verschlossen vor mir,
in Schweigen gehüllt.
Aber Dein Hof ist bedeckt
mit des Todes Staub.
Wenn Du noch hier bist, so öffne das Tor -
öffne! Verhüll‘ nicht Dein Antlitz vor mir!
Sieh - ich, verwaist und verloren
in den Ruinen der Welt, der zerstörten,
Auf meinen Schultern der Erde Leid,
und des grausen Geschickes Schrecken,
die unerhörten ...
(Aus: Annemarie Schimmel; Dein Wille geschehe)
VATER UNSER
O Gebärer(in)! Vater-Mutter des Kosmos,
Bündele Dein Licht in uns - mache es nützlich:
Erschaffe Dein Reich der Einheit jetzt.
Dein eines Verlangen wirkt dann in unserem -
wie in allem Licht, soin allen Formen.
Gewähre uns täglich, was wir an Brot und Einsicht brauchen.
Löse die Stränge der Fehler, die uns binden,
wie wir loslassen, was uns bindet
an die Schuld anderer.
Laß oberflächliche Dinge uns nicht irreführen,
sondern befreie uns von dem, was uns zurückhält.
Aus Dir kommt der allwirksame Wille, die lebendige Kraft zu handeln,
das Lied, das alles verschönert
und sich von Zeitalter zu Zeitalter erneuert.
Wahrhaftig - Lebenskraft diesen Aussagen!
Mögen sie der Boden sein, aus dem all meine Handlungen erwachsen.
Amen
(Neil Douglas-Klotz: Das Vaterunser, Neuübersetzung aus dem Aramäischen)
DER STAAT
Staat ist ein Verhältnis, eine Beziehung
zwischen den Menschen, ist eine Art, wie die Menschen sich zueinander
verhalten, und man zerstört ihn, indem man andere Beziehungen eingeht,
indem man sich anders zueinander verhält.
(Gustav Landauer)
MEIN GOTT
Mein Gott, dieses mein Elend ist offenkundig
vor Dir,
und
dieser mein Zustand ist nicht vor Dir verborgen.
Von Dir erbitte ich, Dich zu erreichen,
und
durch Dich finde ich den Weg zu Dir.
Leite mich durch Dein Licht zu Dir,
Und
laß mich stehen vor Dir in echter Dienstbarkeit
(Ibn Ata Allah aus Annemarie Schimmel: Dein Wille geschehe)
DAS KUMMERRAD
Dem Blinden hab ich ein paar Worte zugesteckt
Der Taube hat sie vernommen
Dann hörte ich einen Stummen
Meine Worte nachsummen
Ach ihr Verliebten der Pfad der Liebe ist mein Glaube
......
Meine Augen mein Herz sind gefüllt
mit Liebe
Meine Zunge spricht die Geliebte aus meine Wangen sind feucht
Brennen tu ich wie eine echte Aloe
Meinen Rauch trägt der Morgenwind
Kein Panzer hilft vorm Liebespfeil
So durchbohrt er das Herz der Pfeil
Ich bin ein Fisch ein Weltmeer deine
Liebe
Holt man ihn da raus so stirbt der Fisch
Ich sprech zum Herrn in meiner Art
Stets ruft er mich zu sich
Ist er bei Verstand der dich liebt
Manchmal schon doch sonst verrückt
Yunus dient als Staub am Weg der
Weisen
Ihr Zelt flaggt höher als der Himmel
(Yunus Emre: Das Kummerrad)
O Herr, ich bitte...
O Herr, ich bitte, flehe vor Dir:
Gib Deine Liebe,
Sehnsucht nach Dir.
Von Deiner Gnade hoffe ich hier -
Gib Deine Liebe,
Sehnsucht nach Dir.
Mache mich trunken, mach' mich berauscht,
Daß ich mich selber kenne nicht mehr,
Bis meine Seele findet nur Dich -
Gib Deine Liebe,
Sehnsucht nach Dir.
Hier auf dem Wege liebende Herzen,
Alles verbrennend in Deinen Schmerzen,
Ließen ihr Leben, ließen die Seelen -
Gib Deine Liebe,
Sehnsucht nach Dir.
Mache mein Herz doch ganz klar und
rein,
Wisch aus die Liebe zu Was-nicht-Dein!
Schenke mir Liebe zu Dir allein -
Gib Deine Liebe,
Sehnsucht nach Dir.
( aus: Yunus Emre, Ausgewählte
Gedichte, Önel Verlag)
LAOTSE I
Das Wesen / das begriffen werden
kann / ist nicht das Wesen des Unbegreiflichen.
Der Name / der gesagt werden kann
/ ist nicht der Name des Namenlosen.
Unnambar ist das All-Eine / ist Innen.
Nambar ist das All-Viele / ist Außen.
Begehrdenlos ruhen / heißt
Innen erdingen.
Begehrdenvoll handeln / heißt
im Außen verharren.
All-Eines und All-Vieles sind gleichen
Ursprungs / ungleich in der Erscheinung.
Ihr Gleiches ist das Wunder / das
Wunder der Wunder / Alles Wunder-Vollen Tor.
Laotse: Tao Te King. O.W. Barth Verlag
LAOTSE II
Häufung des Wissens vergrößert Beunruhung.
Zwischen Sicher und Vielleicht /
Ist da ein Unterschied?
Ist da ein Unterschied zwischen Gut und Schlecht?
Behauptungen zugeben oder bestreiten /
Ermöglicht neue Möglichkeit der Behauptungen.
Die Leute sind glücklich / wie an voller Tafel /
Wie im Frühling auf hohe Türme gestiegen.
Ich scheine gelassen / wunschlos.
Sie haben in Hülle / mich hüllt Nichthaben.
Sie fühlen Sicherheit / mich füllt Chaos.
Sie scheinen erhellt / ich scheine benachtet.
Sie sind voll Sonderheiten /ich scheine unsonders.
Sie stehen / ich schwanke.
Sie kommen vorwärts / Hörige des Ablaufs.
Ich bleibe zurück / ein Nichtdazugehöriger.
Ihre Sonderheiten haben sie gemeinsam.
Ihre Gemeinsamkeit macht sie ununterschieden.
Ich unterscheide mich /
Denn mich nährt das All-Gemeinsame.
XXI
Äusserung höchsten Lebens
/
Ist Übereinstimmung mit der Gesetzmäßigkeit /
Übereinstimmung mit der Gesetzmäßigkeit /
Bedeutet Auswirkung des Wesens.
Wesen / unsichtbar / ungreifbar /
Beschließt alle Dinge.
Wesen / undeutbar / unbestimmbar /
Wirkt Werdung aller Dinge.
Wesen / untrennbar / unverbindbar /
Schafft Formung aller Dinge.
Seine Leere ermöglicht Innen Halt.
Innen Halt erzeugt Inhalt.
Inhalt erruht Leben.
Leben erkreist Unvergehen.
Wie geschieht mir dies Wissen?
Indem ich lebe.
XXV
EIN
Sein ist / unendsam /
Das war vor
Beginnens Anbeginn.
Alles durchdrängend
/ dennoch unerdringbar,
Tränkende Mutter
der Schöpfung.
Es ist das Unnambare
/
Gekennzeichnet als
Wesen.
Benamt / ausspreche
ich: Das Höchste.
Höchst / ist
es unfassbar.
Unfassbar / ist
es beschlossen.
Beschlossen / ist
es das Kreisende.
Das Höchste
ist Großes /
Der Himmel ist Großes
/
Die Erde ist Großes
/
Der Mensch ist Großes.
Von allem Großen
ist der Mensch eines.
Des Menschen Norm
ist die Erde.
Der Erde Norm ist
der Himmel.
Des Himmels Norm
ist das Wesen.
Das Wesen ist Norm
an sich.
XXXI
WAFFEN sind Werkzeuge der Trauer /
Verächtlich dem Leben Achtenden.
Nicht drängt der Durchdrängte zu ihnen.
Waffen sind Werkzeuge der Trauer.
Nur gezwungen braucht sie der Erhabene.
Sein Kampf entspricht der Gesetzmäßigkeit.
Beruhung ist des Erhabenen Weise /
Nichts weiß er von den Weisen der Waffenfreudigen.
Waffenfreude ist Mordfreude.
Wen Mordfreude erfüllt / hat Leben verlassen.
Freudenfeier hat Ehrenplatz Links.
Trauerfeier hat Ehrenplatz Rechts.
Ist Sieg / so steht die Truppe links / der Führer rechts.
Sein Platz entspricht der Trauerfeier.
Tötung heißt Trauer schaffen.
Wessen Handwerk Tote schafft /
Der sei wie bei Trauerfeier.
Laotse: Tao Te King, (O.W. Barth Verlag)
VOM BAUM AM BERGE
....Und als sie eine Weile miteinander gegangen
waren, hob Zarathustra also an zu sprechen:
Es zerreißt mir das Herz. Besser als deine Worte es sagen, sagt mir dein
Auge alle deine Gefahr.
Noch
bist du nicht frei, du suchst noch nach Freiheit. Übernächtig machte dich
dein Suchen und überwach.
In
die freie Höhe willst du, nach Sternen dürstet deine Seele. Aber auch deine
schlimmen Triebe dürsten nach Freiheit.
Deine
wilden Hunde wollen in die Freiheit; sie bellen vor Lust in ihrem Keller,
wenn dein Geist alle Gefängnisse zu lösen trachtet.
Noch bist du mir ein Gefangener, der sich Freiheit ersinnt:
ach klug wird solchen Gefangenen die Seele, aber auch arglistig und schlecht.
Reinigen muß sich noch der Befreite des Geistes. Viel
Gefängnis und Moder ist noch in ihm zurück: rein muß noch sein Auge
werden.
Ja, ich kenne deine Gefahr. Aber bei meiner Liebe und Hoffnung
beschwöre ich dich: wirf deine Liebe und Hoffnung nicht weg!
Edel fühlst du dich noch, und edel fühlen dich auch die andern
noch, die dir gram sind und böse Blicke senden. Wisse, daß allen ein
Edler im Wege steht.
Auch den Guten steht ein Edler im Weges und selbst wenn sie
ihn einen Guten nennen, so wollen sie ihn damit beiseite bringen.
Neues will der Edle schaffen und eine neue Tugend. Altes will
der Gute, und daß Altes erhalten bleibe.
Aber nicht das ist die Gefahr des Edlen, daß er ein
Guter werde, sondern ein Frecher, ein Höhnender, ein Vernichter.
Ach, ich kannte Edle, die verloren ihre höchste Hoffnung.
Und nun verleumdeten sie alle hohen Hoffnungen.
Nun lebten sie frech in kurzen Lüsten, und über den Tag hin
warfen sie kaum noch Ziele.
»Geist ist auch Wollust« — so sagten sie. Da zerbrachen ihrem Geiste die
Flügel: nun kriecht er herum und beschmutzt im Nagen.
Einst dachten sie Helden zu werden: Lüstlinge sind es jetzt.
Ein Gram und ein Grauen ist ihnen der Held.
Aber bei meiner Liebe und Hoffnung beschwöre ich dich: wirf den
Helden in deiner Seele nicht weg! Halte heilig deine höchste Hoffnung!
—
Nietzsche: Also sprach Zarathustra. (dtv)
Zum Neuen Jahr
"Alles seit je. Nie was andres. Immer versucht. Immer
gescheitert.
Einerlei. Wieder versuchen. Wieder scheitern.
Besser scheitern."
Samuel Beckett
Baha 'uddin Walad
O Gott, bewahre mir das Erwachen und die Aufmerksamkeit,
das Leben und das Licht, die zu Deiner Gegenwart leiten. Ich bitte Dich
als ein Lebendiger, nicht als ein Toter, mit einem aufrichtigen Gebet,
nicht mit einem nachlässigen. Wenn Du von mir Aufrichtigkeit und
Ehrerbietung im Gebet willst, so will ich von Dir Gewißheit und
Genuß darin; denn alles was Du mir an Gebet übergeben hast
und womit Du mich genährt hast, das gebe ich dir zurück. Wenn
Du den Baum meines Daseins grünen und Frucht bringen läßt,
so stehe ich grünend vor Dir. Doch wenn Du ihn hast ausdörren
lassen, so stehe ich in Nachlässigkeit vor Dir, dürr, und
ohne Anteil am Lichte des Gehorsams. Besitzt denn der Diener etwas,
was ihm sein Herr nicht gegeben hätte?
(Annemarie Schimmel: Dein Wille geschehe Vlg. Gorski
und Spohr)
Acht Regeln
Abdulhalik Ghujduvani
Hush der dem. Sei präsent bei
jedem Atemzug. Laß deine Aufmerksamkeit auch nicht für die
Dauer eines einzigen Atemzuges wandern. Erinnere dich immer und in allen
Situationen deiner selbst.
2.
Nazar der kadem. Halte dir deine Absicht bei jedem Schritt, den
du tust, vor Augen. Du willst Freiheit, und das darfst du niemals vergessen.
3.
Safar der vatan. Deine Reise führt nach Hause. Erinnere dich
daran, daß du aus der Welt der Er scheinungen in die Welt der Wirklichkeit
reist.
4.
Halvat der endjuman. Bleibe bei all deinen äußeren Handlungen
innerlich frei. Lerne, dich mit nichts zu identifizieren, was immer es
auch sei.
5.
Yard gerd. Besinne dich auf deinen Freund, d.h.Gott. Laß
das Gebet deiner Zunge (dhikr) das Gebet deines Herzens (q'aIb) sein.
6.
Baz gasht. Kehre zu Gott zurück. Das einzige Ziel ist, die
Wirklichkeit zu erreichen.
7.
Nigah dasht. Kämpfe mit allen fremden Gedanken. Halte deine
Aufmerksamkeit bei dem, was du gerade tust, sei es innerlich oder äußerlich.
8.
Yad dasht. Sei dir ständig der Qualität von Gottes Gegenwart
bewußt. Gewöhne dich daran die Gegenwart Gottes in deinem Herzen
anzuerkennen.
(aus: Reshad Feild: Mit den Augen des
Herzens, Arbor-Verlag)
Hâlladschs Neffe sagte
Ich sah in der Handschrift meines
Oheims geschrieben: " Wer zwischen Unglauben und Glauben unterscheidet,
ist ungläubig, und wer nicht zwischen dem Ungläubigen und
dem Gläubigen unterscheidet, ist auch ungläubig.
Es gibt keine Unglauben auf Erden,
unter dem nicht Glaube verborgen wäre, und keinen Gehorsam, unter
dem nicht Auflehnung wäre, die größer ist als er; und
kein völliges sich ganz dem Gottesdienst Weihen, unter dem nicht
Aufgeben der Ehrfurcht wäre, und keine Behauptung zu lieben, unter
der nicht schlechtes Benehmen wäre. Aber Gott der Erhabene behandelt
Seine Diener entsprechend ihrer Fähigkeit
(aus: Al-Halladsch: O Leute, rettet mich vor Gott. Annemarie Schimmel,
Herder Verlag)
Schaich al-Kalabadhi
Der Suchende ist in Wirklichkeit das
Gesuchte und das Gesuchte der Suchende. Daher sagt Allah: "Er liebt
sie, und sie lieben ihn" (Koran 7.44), und auch: "Wohlgefallen
hat Allah an ihnen, und sie sollen Wohlgefallen finden an ihm" (Koran
5.119). Wenn Allah einen Menschen sucht, ist es für diesen Menschen
unmöglich, Allah nicht zu suchen: Derart hat Allah den Suchenden
zum Gesuchten und das Gesuchte zum Suchenden gemacht.
(aus: Abd al-Qadir as-Sufi. Was ist
Sufismus, O.W.Barth-Verlag)
Muhammad (saws)
O Gott, ich bitte Dich um Liebe zu
Dir, um die Liebe zu denen, die Dich lieben, und um solche Handlungen,
die mich zu Deiner Liebe führen. O Gott, lass Deine Liebe mir lieber
sein als mich selbst, als mein Vermögen, als meine Familie und lieber
als kühles Wasser!
(aus: Annemarie Schimmel: Dein Wille
geschehe, Gorski &Spohr-Verlag)
Bemerkungen zum Zen
Einmal, als die Mönche im Raum
des Meisters versammelt waren, richtete En Zenji diese Frage an Kaku:
"Shaka und Miroku (das heißt Gautama Buddha und Maitreya,
der zukünftige Buddha) sind die Sklaven eines anderen. Wer ist
dieser andere?"
Kaku antwortete: "Ko Sho san, Koku Ri shi." (Übersetzung:
"Die dritten Söhne der Familien Ko und Sho, die vierten Söhne
der Familien Koku und Ri" - als Satz ziemlicher Unsinn, aber es
kommt darin doch zum Ausdruck, daß jeder Mensch die Befähigung
hat, eins zu werden mit der Soheit; und daß Gautama und Maitreya
dadurch sind, was sie sind, daß sie ganz und gar «Sklaven»
des immanenten und transzendenten Buddha-Wesens sind.)
Der Meister akzeptierte die Antwort.
Zu dieser Zeit war Engo, der Mönchsälteste im Kloster. Der
Meister erzählte ihm die Begebenheit. Engo sagte: "Recht gut,
recht gut! Aber vielleicht hat er die eigentliche Sache doch noch nicht
erfaßt. Ihr hättet ihm Eure Bestätigung nicht geben
sollen. Prüft ihn noch einmal mit einer direkten Frage."
Als Kaku am nächsten Tag in En Zenjis Raum kam, stellte der Zenji
ihm dieselbe Frage.
Kaku erwiderte: "Ich gab Euch gestern die Antwort."
Der Meister sagte: "Wie lautete deine Antwort?"
"Ko Sho san, Koku Ri shi."
"Nein, nein!" schrie der Meister.
"Gestern sagtet Ihr <Ja>, warum sagt ihr heute <Nein>?"
Der Meister sagte: "Gestern war es <Ja>, heute ist es <Nein>."
Auf diese Worte hin kam Kaku zu plötzlicher Erleuchtung.
(aus: Aldous Huxley: Gott ist. dtv-Verlag)
Aus dem Jüdischen
Die Schüler fragten den Rabbi,
was das Geheimnis seiner Weisheit sei. Darauf antwortete er ihnen: "Wenn
ich sitze, sitze ich; wenn ich stehe, stehe ich; wenn
ich gehe, gehe ich".
Die Schüler sahen sich betreten an und meinten, sie hätten nicht
recht verstanden. Also fragten sie ihn erneut: "Meister, was ist
das Geheimnis deiner Weisheit?". Er aber sagte: " Wenn
ich sitze, sitze ich; wenn ich stehe, stehe ich; wenn
ich gehe, gehe ich".
Da wurden sie Schüler ungehalten und erwiderten: "Meister, was
du sagst, das tun wir auch, aber wir sind weit entfernt von deiner Weisheit".
Da schüttelte der Rabbi lächelnd den Kopf. "Nein",
sagte er, "wenn ihr sitzt, seid ihr schon aufgestanden; wenn ihr
steht, seid ihr schon losgegangen; wenn ihr geht, seid ihr schon angekommen".
(aus: Willigis Jäger: Die Welle ist
das Meer. Herder-Spektrum)
Glauben
In den frühen Jahren des Islam
begannen viele besonnene Leute, deren Vorfahren Idole oder Feuer verehrt
hatten, die Praktiken ihrer Ahnen in Frage zu stellen. Unter ihnen lebten
zwei feueranbetende Brüder, die auch in dieser Richtung empfanden.
Der eine Bruder schlug vor, daß sie ihre Hände ins Feuer
halten sollten. Falls es sie verbrannte, wollten sie mit der Verehrung
aufhören und den Islam annehmen. Also beteten sie zum Feuer und
baten den Gott ihrer Ahnen, sie nicht zu verbrennen. Als sie die Hände
ins Feuer hielten, verbrannte es sie.
Der erste Bruder blieb dabei, daß er den Islam erforschen wolle.
Der zweite Bruder machte einen Rückzieher, mit der Begründung,
daß er nicht bereit sei, die Religion und Kultur seiner Vorfahren
aufzugeben.
Der erste Bruder suchte die nahegelegene Moschee auf. Er war verwundert
und erfreut, alle gemeinsam beten zu sehen, ohne Unterschied der Klasse
oder Kaste. Sklaven standen neben mächtigen, einflußreichen
Männern. Reiche und Arme waren bunt gemischt. Das Herz des Feueranbeters
war betroffen von der Wahrheit der vorgelesenen Schriftstellen und von
der Sicht Gottes, wie sie der Lehrer zum Ausdruck brachte. Nach Beendigung
der Gebete stand er auf und gab seine Absicht bekannt, zum Islam überzutreten.
Die versammelte Gemeinde war von seiner Aufrichtigkeit berührt
und von Freude überwältigt. Da er offensichtlich ein armer
Mann war, boten sich mehrere der wohlhabenderen Gläubigen an, ihm
Geld zu leihen oder eine Stelle zu besorgen. Doch lehnte der Mann alle
Hilfsangebote mit der Begründung ab, daß Gott ihm schon geholfen
habe, als er noch nicht glaubte. Gewiß könne er sich nun,
da er zum Glauben gekommen war, auch weiterhin auf Gott verlassen.
Der Mann ging nach Hause und erzählte seiner Frau alles, was ihm
geschehen war. Sie war überglücklich über den neuen Glauben
ihres Mannes und stimmte zu, gleichfalls den islamischen Glauben anzunehmen.
Der Mann ging nun los, Arbeit zu suchen. Er war Lastenträger und
gewohnt, für seinen Lebensunterhalt schwere Lasten zu tragen. Doch
niemand hatte Arbeit für ihn. Als es Mittag wurde, ging er in die
Moschee zum Gebet. Wieder lehnte er die von seinen Mitgläubigen
angebotene Unterstützung ab. Er betete zu Gott, er möge für
ihn und seine Familie sorgen. Aber am Nachmittag konnte er noch immer
keine Arbeit finden. Als die Nacht schon angebrochen war, kehrte er
schließlich nach Hause zurück. Um Frau und Kinder nicht zu
enttäuschen, erzählte er ihnen, daß er eine Stelle bei
einem wunderbaren Herrn gefunden habe. Allerdings sei sein neuer Arbeitgeber
schon früh fortgegangen und habe vergessen, ihn auszuzahlen. Sie
aßen ein spärliches Abendessen, aus dem wenigen zusammengestellt,
was noch im Hause übrig war.
Der zweite Tag verlief genauso wie der erste. Der Mann konnte einfach
keine Arbeit finden, so sehr er sich auch bemühte. Zu allen Gebetszeiten
ging er in die Moschee und betete zu Gott, für den Unterhalt seiner
Familie zu sorgen. An jenem Abend las er auf dem Heimweg außerhalb
eines Gasthofs ein paar Abfälle auf und nahm sie mit, um den Hunger
seiner Kinder stillen zu können. Seiner Familie sagte er, sein
Herr habe wieder vergessen, ihn zu bezahlen.
Am dritten Tag gab es immer noch keine Arbeit. Am Mittag betete er inbrünstig
für seine Familie. Er sah diese Lage als Zeichen dafür, daß
sein Glaube auf die Probe gestellt wurde, und beschloß, nichts
zu tun als zu beten und so lange weiter nach Arbeit zu suchen, bis seine
Familie versorgt wäre.
An jenem Nachmittag kam ein junger Mann von strahlender Schönheit
zu seinem Haus und überreichte seiner Frau einen Sack voll Gold.
Er sagte: »Richte deinem Manne aus, daß sein neuer Herr
mit ihm sehr zufrieden ist.« Sie öffnete den Sack und rief
aus: »Oh, welch ein wunderbarer, großzügiger Herr!«
Noch nie in ihrem Leben hatte sie eine Goldmünze gesehen. Hier
war genug Geld, die ganze Familie für den Rest ihres Lebens zu
versorgen.
Die Frau brachte eine Münze zum Geldwechsler. Als er die Münze
prüfte, fragte er, woher sie diese habe. »Noch nie habe ich
so reines Gold gesehen. Ich kann mir nicht vorstellen, wo um alles in
der Welt sie herkommen könnte.«
Der Mann konnte den ganzen Tag über keine Arbeit finden. Müde,
hungrig und niedergeschlagen machte er sich auf den Heimweg. Bekümmert
dachte er daran, wie enttäuscht seine Frau und Kinder sein würden.
Unterwegs hielt er an und füllte zwei große Taschentücher
- eines mit Sand und das andere mit Steinen. »Wenigstens sollen
meine Nachbarn, die alle von meinem neuen Glauben gehört haben,
nicht darüber herziehen, daß ich drei Tage hintereinander
mit leeren Händen heimkomme.«
Als der Mann am Haus ankam, sah er in allen Fenstern Kerzen leuchten,
und es roch nach gedünstetem Fleisch und Gemüse. Er schwang
die Türe auf und fand seine Frau und die Kinder in ihrer besten
Kleidung vor. Auf dem Herd brutzelten mehrere Töpfe voller Essen.
Verstört fragte er seine Frau: »Hast du von jemandem Geld
geborgt? Woher hast du all das Essen und die Kerzen?«
Glücklich erzählte ihm seine Frau, daß ein Bote seines
neuen Herrn gekommen sei und ihnen einen Sack reiner Goldmünzen
gebracht habe. Der Mann warf seine beiden Bündel hinter die Tür
und nahm seine glückliche Familie in die Arme. Dann schalt ihn
die Frau, weil es sich nicht gehöre, Essen auf den Boden zu werfen.
Er drehte sich um und sah, daß der Sand sich in feinstes Mehl
und die Steine sich in frisch gebackenes Brot verwandelt hatten!
Auch wir werden von Gott versorgt. Wir werden ebensogut bezahlt, nur
erkennen wir es so selten und sind selten dankbar dafür.
(aus: Sheyk Muzaffer Ozak, Der Wein
der Sufis, Arbor-Verlag)
Versuchung
Eines Tages sagte der Teufel: »Was
soll das eigentlich? Wie ungerecht es ist! Ganz gleich, was die Leute
tun, wann immer etwas Schlechtes passiert, geben sie stets mir die Schuld.
Was für Schuld habe ich denn? Ich bin unschuldig! Seht, ich werde
euch zeigen, wie sie mir an allem die Schuld geben.«
Da war ein kräftiger Widder, der mit einem Seil an einem Pflock festgebunden
war. Der Teufel lockerte den Pflock und sagte: »So, das ist alles,
was ich tun werde.«
Der Widder warf den Kopf herum und riß den Pflock heraus. Die Tür
zum Haus seines Besitzers war
offen, und in der Eingangshalle war ein großer, wunderschöner
antiker Spiegel. Der Widder sah sein Ebenbild im Spiegel, senkte den Kopf
und ging zum Angriff über. Er zertrümmerte den Spiegel.
Die Frau des Hauses lief die Treppe hinunter und fand ihren wunderschönen
Spiegel in tausend Scherben
vor. Er war seit Jahren im Familienbesitz gewesen. Sie schrie die Dienstboten
an: »Schlagt dem Widder den Kopf ab! Schlachtet ihn! « Also
schlachteten die Dienstboten den Widder.
Dieser Widder war ein besonderes Lieblingstier ihres Mannes gewesen, der
ihn als Jungtier von Hand gefüttert hatte. Er kam nach Hause und
fand seinen geliebten Widder tot vor. »Wer hat meinen Widder getötet?
Wer wagte es, so etwas Schreckliches zu tun?«
Seine Frau schrie: »Ich tötete deinen Widder. Ich ließ
es tun, weil er diesen wunderschönen Spiegel zer-
störte, den mir meine Eltern vererbten.«
Voller Wut erwiderte der Ehemann: »Wenn das so ist, lasse ich mich
scheiden.«
Nachbarschaftsklatsch ging um, und die Brüder der Frau erfuhren,
daß der Ehemann ihrer Schwester sich
scheiden lassen wollte, weil sie einen Widder schlachten ließ. Die
Brüder wurden äußerst ärgerlich. Sie
trommelten die Verwandtschaft zusammen und zogen mit Schwertern und Gewehren
bewaffnet gegen den
Ehemann los. Dieser hörte sie kommen und rief seinerseits seine Verwandtschaft
zu Hilfe. Die beiden
Familien begannen eine Fehde, in deren Verlauf etliche Häuser abbrannten
und Menschen ums Leben kamen.
»Seht ihr?« sagte der Teufel. »Was habe ich getan? Ich
habe nur am Pflock gerüttelt. Weshalb sollte ich
für all die schrecklichen Dinge verantwortlich sein, die sie einander
antaten? Ich habe nur den Pflock ein klein wenig gelockert.«
Also — paß auf deine Pflöcke auf*
* Im englischen Original lautet der
Satz: "watch your stakes" und enthält ein Wortspiel mit
"stake", was sowohl "Holzpflock" als auch "Einsatz
beim Spiel" oder "das, was auf dem Spiel steht" bedeutet.
(Anm. der Übersetzers)
(aus Sheikh Muzaffer Ozak, Der Wein
der Sufis, arbor-Verlag)
Grosszügigkeit
Der Prophet Abraham (Gottes Friede sei
mit ihm) gilt als Symbol der Großzügigkeit und Gastfreundlichkeit.
Er aß nie, wenn kein Gast bei ihm zu Tisch war. Einmal verging ein
ganzer Monat, und niemand kam zu seinem Haus. Niemand teilte das Essen
mit ihm, so daß er den ganzen Monat über kaum etwas aß.
Schließlich betete er zu Gott und sagte: »Oh Gott, Du gabst
mir diesen wunderbaren Brauch, nicht zu essen, ohne mein Mahl mit jemandem
zu teilen. Einen ganzen Monat lang habe ich nicht gegessen. Ich frage
mich, ob es noch mehr Leute gibt wie mich.«
Gott antwortete: »Geh und reise in der Welt umher und sieh, ob es noch andere gibt wie dich.«
Das Reisen ist uns von Gott befohlen. Nur durch das Reisen können wir, Gottes Geschöpfe, einander begegnen. Wenn sich Herzen und Geister begegnen,
lösen sich Missverständnisse auf, und Freundschaften werden geschlossen.
Also begab Abraham sich auf die Reise. Schließlich fand er jemanden, der ihn bat, seine Gastfreundschaft anzunehmen: »Schau her, ich habe drei Monate lang
nicht gegessen, weil niemand bei mir am Tisch saß.« Abraham hatte einen Monat nichts gegessen, doch hier war jemand, der drei Monate nicht aß, weil niemand
als Gast in sein Haus kam.
Glücklich nahm Abraham die Einladung dieses wunderbaren Mannes an.
Nach dem Essen pflegte Abraham zu beten. Er sagte, er wolle seinen Gastgeber
in seine Gebete einschließen, und bat den Mann, auch für ihn
zu beten. Sein Gastgeber erklärte, dass er die Verrichtung solcher
Gebete aufgegeben habe. Viele Jahre lang hatte er um etwas gebetet, und
da es Gott nicht gefiel, sein Gebet zu erhören, hatte er das Gefühl,
er sei nicht wert, solche Gebete zu sprechen, Abraham fragte: »Was
war dein Gebet?« Sein Gastgeber entgegnete: »Ich habe gehört,
dass es hier auf Erden einen großen Propheten gibt, einen besonderen
Freund Gottes mit dem Namen Abraham. Jahrelang betete ich darum, ihn zu
treffen.
Doch mein Wunsch wurde nicht erfüllt. Mein Mund kann es nicht wert sein, unserem Herrn solche Gebete vorzubringen. Bete du statt dessen.«
(aus: Sheyk Muzaffer Ozak, Der Wein
der Sufis, Arbor-Verlag)
Gewähre mir
O Gott, gewähre mir, dass ich
auf Dich traue und auf Dich baue und mit Deinem Beschluss zufrieden
bin und mich Deinem Befehl füge, sodass ich nicht zu beschleunigen
suche, was Du zurückhalten willst, und nicht zurückzuhalten
suche, was Du beschleunigen willst, o Herr der Welten!
(Ali ibn Abi Talib aus: Schimmel,
Dein Wille Geschehe, Gorski & Spohr)
Liebe
Gott ist Liebe, und es gibt Augenblicke,
da sogar dem ungebesserten Sünder vergönnt ist, Ihn als Liebe zu erfahren.
Nur bei den Heiligen jedoch wird daraus ein beständiges und sicheres
Wissen. Wer sich in den Anfangsstadien des spirituellen Lebens befindet,
der gewahrt Gott vor allem als das Gesetz. Durch Gehorsam gegenüber
Gott dem Gesetzgeber können wir Gott schließlich als den liebenden Vater
erkennen.
Das Gesetz, dem wir folgen müssen,
wenn wir Gott als Liebe erkennen möchten, ist selbst ein Gesetz der
Liebe. «Du sollst lieben Gott, deinen Herrn, von ganzem Herzen,
von ganzer Seele und von ganzem Gemüte.» Und «Du sollst
deinen Nächsten lieben wie dich selbst.» Wir können Gott nur lieben,
wie wir sollen, wenn wir unseren Nächsten lieben, wie wir sollen. Und
schließlich können wir erst
realisieren, daß Gott das aktive, allesdurchtränkende Prinzip der Liebe
ist, wenn wir selbst gelernt haben, Ihn und alle Kreaturen zu lieben.
Ein Geschöpf mehr zu lieben
als wir Gott lieben, das ist Götzendienerei. Es gibt viele Formen
der Abgötterei, doch alle haben eines gemeinsam, nämlich Eigenliebe.
Deutlich sichtbar ist die Eigenliebe in den gröberen Formen
sinnlicher Genußsucht oder im Streben nach Reichtum, Macht und
Ruhm.
Weniger offenkundig, aber nicht weniger fatal ist sie in
unserer übermäßigen Zuneigung zu bestimmten Menschen, Orten,
Dingen und Institutionen. Sogar im heroischen Selbstopfer für
hehre Anliegen und Ideale hat die Eigenliebe ihren tragischen
Platz. Wenn wir uns nämlich für irgendeine Sache oder ein Ideal
opfern, das geringer ist als das Höchste, weniger als Gott selbst,
opfern wir nur einen Teil unseres verderbten Seins einem anderen
auf, der uns oder anderen Menschen achtbarer erscheint. Die
Eigenliebe bleibt bestehen und hält uns weiterhin davon ab,
dem ersten der beiden großen Gebote vollkommenen Gehorsam zu
leisten. Gott vollkommen lieben, das können nur jene, die auch
die subtilsten, die höchst sublimen Formen der Eigenliebe in
sich haben absterben lassen.
Wenn das geschieht, wenn wir Gott lieben, wie wir sollen, und
Ihn dadurch als Liebe erkennen, ist das quälende Problem des
Bösen kein Problem mehr, sehen wir die Welt der Zeit als einen
Aspekt der Ewigkeit, fügt sich die widerstreitende, chaotische
Vielheit des Lebens auf unerklärliche und doch ganz reale Weise
unweigerlich in die Einheit der allumfangenden göttlichen Liebe.
(aus: Huxley: Gott ist, dtv-Verlag)
Indem
Indem ich nicht
brach
vom jasmin den zarten zweig
brach ich mein herz
(H.C. Artmann, aus: Gedichte
über die Liebe und übber die Lasterhaftigkeit, Suhrkamp-Verlag)
Gesänge
aus Wien
Ich
träumte, ich sei flüchtig, gejagt
in einem Wald, in meiner fernen Heimat
Wölfe verfolgten mich
durch schwarze Wüsten und Felsgestein
Ich träumte, und die Trennung, o Liebste, war Qual -
denn ich bin heimatlos
Sterbe in einer Stadt, einer fremden
Sterbe, o Liebste, allein, ohne ein Vaterland
(Al-Bayati,
aus "Gesänge aus Wien")
(Schimmel: Nimm eine
Rose und nenne sie Lieder, Diederichs -Verlag)
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