Johannes vom Kreuz
Ich bin der Mann, der sein Elend
unter der Rute seines Grimmes erkannte. Er drohte mir und trieb mich
in die Finsternis und nicht ins Licht. Nur auf mich hat er es abgesehen,
den ganzen Tag wendet er seine Hand gegen mich. Altern ließ er
meine Haut und mein Fleisch, zermalmt hat er mein Gebein. Ringsum führte
er einen Wall gegen mich auf, er umgab mich mit Galle und Mühsal.
In Finsternis versetzte er mich, wie die ewig Toten. Ringsum ummauerte
er mich, daß ich nicht entkommen kann, und schwer machte er meine
Fesseln. Und auch wenn ich rufe und flehe, er weist mein Gebet ab. Meinen
Weg versperrte er mit Quadersteinen, meine Pfade zerstörte er.
Ein lauernder Bär ist er mir geworden, ein Löwe im Hinterhalt.
Meine Schritte leitete er irre, er zerschlug mich, machte mich trostlos.
Er spannte seinen Bogen und stellte mich als Ziel für seinen Pfeil
auf. In meine Nieren sandte er seines Köchers Töchter. Für
mein ganzes Volk wurde ich zum Gespött, immerfort singen sie Hohnlieder
auf mich. Er tränkte mich mit Bitternis, berauschte mich mit Wermut
Er zerschlug mir die Zähne der Reihe nach und steckte mir Asche
in den Mund. Meine Seele ist aus dem Frieden verstossen, des Glückes
habe ich vergessen. Und ich sprach: Mein Ziel und meine Hoffnung auf
den Herrn sind verloren. Gedenke meines Elends und meiner Verlassenheit,
Des Wermuts und der Galle. Immer muß ich daran denken, und meine
Seele schmachtet in mir dahin.
(Jeremias. Klgl. 3,1-20)
(aus: Johannes vom Kreuz, Die dunkle
Nacht)
Höchste Vollendung
Vergessen des Geschaffenen,
Gedenken des Schöpfers,
Gerichtetsein auf das Innere
und Leben in der Liebe zum Geliebten
Suma de la perfección
Olvida de lo criado,
Memoria del Criador,
antención a lo interior
y estarse amando al Amado.
(aus: Johannes vom Kreuz, Gedichte,
Johannes-Verlag)
Gibt es....
Gibt es einen irgendwo der noch fremder
ist als ich
Herz mit Wunden Aug mit Tränen einen fremder noch als mich
Wie ich auch herumging durch Rum
und Scham
Immer suchte ich vergeblich einen fremder noch als mich
So fremd soll keiner sein so sehnsüchtig
getrennt
So Meister brenne niemand einer fremder noch als ich
Meine Zunge spricht mein Auge tränt
mein Herz leidet für die Fremden
Und mein Stern im Himmel ist der fremder noch als ich
Geht denn dies Leid nie aus wie wenn
einmal der Tod kommt
Find ich dann in meinem Grab einen fremder noch als mich
Drei Tage drauf vernehmens sie's
und sagen ein Fremder ist gestorben
Sie baden mich mit kaltem Wasser einen fremder noch als mich
He trostloser Yunus Emre keiner heilt
dich
Geh jetzt landauf landab fremder noch als ich
(aus: Yunus Emre, Das Kummerrad, Dagyeli
Verlag)
Der Sheik und der Derwisch.
Einst ritt der Sultan durch die Straßen
von Istanbul,umgeben von Höflingen und Soldaten. Die Bevölkerung
der ganzen Stadt kam heraus, um ihn zu sehen. Alle verbeugten sich, als
der Sultan vorbei zog, mit Ausnahme eines einzigen zerlumpten Derwischs.
Der Sultan ließ seine Prozession anhalten und den Derwisch zu sich
bringen. Er wollte wissen, warum der Derwisch sich nicht vor ihm verbeugt
hatte.
Der Derwisch antwortete: "Laß all diese Leute sich vor dir
verneigen. Sie alle wollen, was du besitzt - Geld, Macht, Rang. Gott sei
Dank bedeuten mir diese Dingen nun nichts mehr. Außerdem, warum
sollte ich mich vor dir verneigen, wenn ich zwei Sklaven habe, die deine
Herren sind?"
Die Menge schnappte nach Luft, und der Sultan wurde kreidebleich vor Wut.
"Was willst du damit sagen?", schrie er.
"Meine beiden Sklaven, die deine Herren sind, heißen Ärger
und Gier", sagte der Derwisch ruhig und schaute dem Sultan gerade
in die Augen.
Da er in dem, was er soeben vernommen hatte, die Wahrheit erkannte, verneigte
sich der Sultan vor dem Derwisch.
(aus: Sheik Muzaffer Ozak, Der Wein
der Sufis, Arbor Verlag)
Mein Gott...
Mein Gott, wenn immer meine Schande mich verstummen
läßt,
läßt Deine Gnade mich reden,
und wenn immer meine Eigenschaften mich verzweifeln lassen,
läßt
Deine Güte mich hoffen!
(Ibn ‘Ata' Allah, aus: Schimmel,
Dein Wille geschehe Gorski & Spohr)
Großzügigkeit
Vor vielen Jahren begab sich ein großer
Sufi-Sheikh auf die Pilgerreise nach Mekka. Am Ende seiner Pilgerfahrt
träumte er, dass in dem Jahr alle Pilger in Gottes Augen Annahme
gefunden hatten, was der vollkommenen Pilgerfahrt eines einzigen
Mannes zu verdanken sei — eines Kaufmannes aus Bagdad namens
Abdullah Ibn Ibrahim. Das war eine ungeheure Leistung. Die Regeln,
die bei der Pilgerfahrt zu beachten sind, sind sehr zahlreich und
sehr komplex. Den meisten Leuten ist es praktisch unmöglich,
alles richtig auszuführen. Daher betet jeder Pilger, dass
Gott der Gnädige und Barmherzige seine oder ihre unvollkommene
Pilgerreise annehmen möge.
Der Sheikh beschloss, nach Bagdad zu gehen und diesen Abdullah
Ibn Ibrahim aufzusuchen, dessen Pilgerfahrt so wunderbar war, dass
ihretwegen auch alle anderen angenommen wurden.
Einige Zeit zuvor hatte sich in Bagdad, ein Sohn bei seinem Vater
beschwert, dass er einmal im Haus seines besten Freundes nichts
zu essen bekam, als das Abendessen serviert wurde. Der Vater war
entsetzt. Einer der wichtigsten Grundsätze der islamischen
Gastfreundschaft verlangt, nie zu essen und dabei einen Gast hungrig
ausgehen zu lassen. So ein ungastliches Verhalten
konnte sogar als Sünde gelten.
Am nächsten Tag ging der Vater zu seinem Nachbarn und wollte
wissen, was geschehen war. Er sagte: „Entschuldige bitte,
wenn ich dies zur Sprache bringe. Ich weiß, dass du ein frommer
Mann von gutem Charakter bist. Ich bin sicher, du würdest
nicht ohne guten Grund gegen eine so bedeutsame moralische Verpflichtung
verstoßen.”
Der Vater hatte völlig recht. Wenn wir sehen, ??????????A?Vor
vielen Jahren begab sich ein großer Sufi-Sheikh auf die Pilgerreise
nach Mekka. Am Ende seiner Pilgerfahrt träumte er, dass in
dem Jahr alle Pilger in Gottes Augen Annahme gefunden hatten, was
der vollkommenen Pilgerfahrt eines einzigen Mannes zu verdanken
sei — eines Kaufmannes aus Bagdad namens Abdullah Ibn Ibrahim.
Das war eine ungeheure Leistung. Die Regeln, die bei der Pilgerfahrt
zu beachten sind, sind sehr zahlreich und sehr komplex. Den meisten
Leuten ist ewie jemand einen Fehler begeht, ist es unsere Pflicht,
ihn darauf hinzuweisen — ihn von weiteren Verfehlungen abzuhalten
und, wenn es geht, zu helfen. Wenn du siehst, wie ein Blinder auf
eine Grube zugeht, ist es deine Pflicht als ein menschliches Wesen,
„Halt!" zu rufen. Wenn das nicht hilft, ist es deine
Pflicht, den Mann zu packen und von seinem Unglück wegzuziehen.
Der Nachbar antwortete: „Da du gefragt hast, will ich es
dir sagen. Ich habe noch zu niemandem darüber gesprochen,
aber meine Geschäfte gingen im vergangenen Jahr sehr schlecht.
Schon wochenlang hat meine Familie wenig oder nichts zu essen gehabt.
Gestern fand ich ein totes Kamel auf der Straße. Ich schnitt
ein Stück vom Bein ab und nahm es mit nach Hause. Wie du weißt,
ist solches Fleisch für Muslime verboten. Die einzige Ausnahme
ist, wenn die Gefahr des Verhungerns oder der Unterernährung
besteht. Also war das Fleisch zwar für meine Familie erlaubt,
nicht aber für deinen Sohn, und ich konnte es ihm nicht auftischen."
Der Vater erwiderte: „Ich wünschte, du wärst schon
eher zu mir gekommen. Ich habe genügend Geld. Bitte lass mich
dir helfen."
„Nein", sagte der Nachbar. „Wenn die anderen Leute
auch nichts davon wissen, kennt Gott meine Situation. Ich verlasse
mich in unserem Lebensunterhalt auf Gott. Ich hätte es weder
dir noch jemand anderem gegenüber erwähnt, doch ich musste
es deines Sohnes wegen erklären.”
Der Vater blieb hartnäckig. „Bitte, nimm um Gottes willen
meine Hilfe an. Gott leitete mich, dich zu fragen, und Er leitete
dich, mir zu antworten. Wie kannst du wissen, ob Gott mich nicht
zum Instrument der göttlichen Gnade machen möchte? Außerdem
habe ich eine beachtliche Summe Geldes gespart, um im kommenden
Jahr auf die Pilgerreise zu gehen. Da ich die Pilgerfahrt schon
einmal gemacht habe, habe ich meine religiösen Pflichten bereits
erfüllt. Ich brauche
nicht noch einmal zu gehen, und ich bestehe darauf, dass du mein
Pilgerfahrtgeld für dich und deine Familie nimmst!”
Als der Sheikh schließlich in Bagdad ankam und Abdullah Ibn
Ibrahim traf, war der Kaufmann über seinen Traum sehr verwundert.
Er sagte: „Weißt du, in diesem Jahr habe ich gar keine
Pilgerfahrt gemacht. Ich hatte es vor, aber dann gab ich das Geld,
das ich gespart hatte, meinem Nachbarn, um ihm zu helfen."
(aus: Sheik Muzaffer Ozak,
Der Wein der Sufis, Arbor Verlag)
Erlaube
Erlaube keinem Bedauern, dich zu umschatten,
keinem sinnlosen Kummer deine Tage zu trüben.
Niemals entsage den Liebesliedern, den Lauben und den Küssen,
bis deine Erde ruht, vermischt mir älterer Erde.
(aus Omar Khayaam, Rubaiyyat, Verlag: Das arabische Buch)
Schwierigkeiten anschauen...
Sitzen sie ruhig, spüren sie den Rhythmus
ihres Atems, und werden sie still und empfänglich. Führen
sie sich dann eine Schwierigkeit vor Augen, mit der sie es in ihrer
spirituellen Praxis oder in ihrem Leben zu tun haben. Beobachten
sie, was diese Schwierigkeit in ihrem Körper, in ihrem Herzen
und in ihrem Geist auslöst. Spüren sie sorgfältig
nach. Stellen sie nun folgende Fragen, und achten sie auf die Antworten
aus ihrem Innern.
-
Wie bin ich bis jetzt mit dieser Schwierigkeit
umgegangen?
-
Wie habe ich unter meiner eigenen Reaktion
darauf gelitten?
-
Was soll ich loslassen?
-
Inwieweit und nach welchem Maßstab
akzeptiere ich das unvermeidliche Leiden, das damit verbunden
ist?
-
Was kann ich daraus lernen?
-
Welches Gold ist in dieser Situation verborgen?
Wenn sie in dieser Weise ihre
Schwierigkeiten betrachten, dauert es vielleicht eine Weile, bis
alles offengelegt ist und sich ihr Verständnis entwickelt
hat. Lassen sie sich Zeit. Wie jede Meditationspraxis sollte man
auch diese mehrmals wiederholen und jedesmal auf die Antworten
aus der Tiefe von Körper, Herz und Geist horchen.
(aus Jack Kornfield: Geh den Weg des Herzens, Meditationen für
den Alltag, Kösel Verlag, )
Sieh, was die Lieb aus mir gemacht
In Leidenschaft viel tief mein Herz -
Sieh, was die Lieb' aus mit gemacht!
Ich gab mein Haupt an Streit und Schmerz -
Sieh, was die Lieb' aus mir gemacht!
Ich weine still in mich hinein,
In Blut färbt mich die Liebe ein,
Kann nüchtern nicht, verwirrt nicht sein -
Sieh, was die Lieb' aus mir gemacht!
Bald weh' ich, wie der Wind es
tut,
Bald staub' ich, wie ein Weg voll Glut,
Bald fließ' ich, wie des Wildbachs Flut -
Sieh, was die Lieb' aus mir gemacht!
Blass meine Haut, mein Auge weint,
Mein Herz zerstückelt und versteint,
Erfahren und dem Schmerz geeint -
Sieh, was die Lieb' aus mir gemacht!
Armer Yunus wohl bekannt,
Von Kopf bis Fuß voll Wundenbrand,
Ich schweife fern von Freundeshand -
Sieh, was die Lieb' aus mir gemacht!
(aus Annemarie Schimmel: Yunus Emre, Ausgewählte
Gedichte, Önel Verlag )
Die erste Art der Liebe
Dass du einen Menschen um seiner
selbst willen liebst.
Das ist wohl möglich und
besteht darin, daß der andere an sich dir lieb ist, das heisst,
dass du dich freust ihn zu sehen, mit ihm bekannt zu werden und
Zeuge der Eigenart seines Wesen zu sein, und zwar darum, weil du
ihn schön findest. Denn alles Schöne erregt bei dem,
der die Schönheit wahrnimmt, Lust, und alles was Lust erregt,
wird geliebt. Das als schön empfundene kann entweder die äußere
Gestalt, das heisst die Schönheit der Leibes, oder die innere
Gestalt sein, das heisst die Vollkommenheit der geistigen und die
Schönheit der sittlichen Anlagen. Aus dieser folgt Schönheit
des Handelns, aus jener Reichtum des Wissens. Alles das empfindet
der natürliche Geschmack und der gesunde Verstand als schön;
und alles, was als schön empfunden wird, gewährt Lust
und wird geliebt.
Allein bei der Verbindung des
Herzens gibt es noch etwas anderes, das geheimnisvoller ist als
dies. Zuweilen knüpft sich ein festes Band der Liebe zwischen
zwei Menschen ohne Anmut der Gestalt oder Schönheit des Leibes
oder Geistes, sondern infolge einer inneren Verwandtschaft, die
Freundschaft und Einklang bewirkt, weil das Ähnliche von Natur
aus zum Ähnlichen hingezogen wird. Was aber da im Innern vorgeht,
ist geheimnisvoll und hat unbegreifliche Ursachen, in die Einsicht
zu gewinnen menschlicher Kraft versagt ist.
(aus Al Ghasâli:
Das Elixier der Glückseligkeit, Diederichs-Verlag)
Von dir...
Holder Sprosser, wilder Falke
sind von Dir.
Licht und Glut im Weg des Lebens
sind von Dir.
Waches Herz und Handvoll Erde
Weltenschau,
Nächt'ger Wandel dieses Mondes
lind: von Dir.
Perle, noch im Meer, und Perle,
schon ertaucht!
Was mein Mund sagt, was mein Herz noch
sinnt - von Dir.
Ich bin eine Handvoll Staub nur,
windverweht,
Tulpe sind von Dir, Lenzregen
rinnt von Dir.
Du der Maler, wir die Feder,
die Du führst,
Bild des Jetzt und was die Zukunft
spinnt: von Dir.
(Iqbal
aus Annemarie Schimmel: Dein Wille geschehe, Gorski & Spohr-Verlag)
Schritte auf dem Weg zur wahren Liebe
Der
erste Schritt auf dem Weg zur wahren Liebe besteht darin, mich dem
anderen bedingungslos zuzuwenden und aus dieser Zuwendung soviel Befriedigung
und Glück zu erleben, dass ich nicht mehr danach frage, was ich
bekomme. Bekomme ich etwas, ist es ein zusätzliches Geschenk.
Will ich in der Liebe glücklich werden, muss ich zwei Dinge auflösen:
die Angst, nicht genug geliebt zu werden; das Verlangen, den anderen
besitzen zu wollen. Denn wer Angst hat und besitzen will, wird letztlich
alles verlieren.
Soll
meine Liebe Bestand haben, benötigt sie zwei Voraussetzungen:
-
Bewunderung
-
Eine gemeinsame Aufgabe, die beide begeistert
-
Verständnis
Will ich aber der wahren Liebe begegnen, muss ich zuerst Gott im Menschen
erkennen - und zwar in allen Menschen. Denn die wahre Liebe ist grenzenlos.
Ich kann nicht den einen lieben und den anderen von meiner Liebe ausschließen.
Wahre Liebe ist also nicht meine Beziehung zu einem Gegenüber,
sondern Liebe existiert ohne Gegenüber. Liebe ist einfach, durchdringt
und erfüllt mich. Erst aus dieser tiefen inneren Durchdringung
und dem Erkennen des Göttlichen in allem entsteht die »All-Liebe«,
die nichts mehr ausschließt. Diese wahre Liebe ist das Einschwingen
in das göttliche Einssein mit dem Einen in allem.
Ich muss nicht lernen zu lieben, sondern ich muss nur zulassen, dass
die Liebe, die meine innere Wirklichkeit ist, frei fließen kann.
Es gilt nur, die Blockaden und Hindernisse aufzulösen, damit
Liebe in mir geschehen kann und als Leben in Erscheinung tritt.
Wenn ich wirklich lebe, dann geschieht Liebe durch mich.
Liebe ist unser eigentliches Sein. Deshalb brauchen und können
wir sie gar nicht lernen, wir brauchen sie nur zuzulassen. Ich komme
zur Liebe, indem ich mehr ich selbst bin, indem ich wieder »zu
mir komme«, wie ein Bewusstloser, der wieder zu sich kommt.
Das geschieht, indem ich aufhöre, ständig anders sein zu
wollen. Indem ich aufhöre, ein Ideal verwirklichen zu wollen,
sondern erkenne, dass ich genau so gemeint bin, wie ich bin, und dass
ich nur so meinen Platz ausfüllen kann, meine Aufgabe optimal
lösen kann. Ich muss mich nicht verändern, sondern meine
Aufgabe ist es, nur ich selbst zu sein. Dazu gehört auch, dass
ich erkenne, dass die inneren Bilder, die mein Leben bestimmen, nicht
von mir sind. Erst wenn ich mich von den Vorstellungen der anderen
getrennt habe, kann ich anfangen, wirklich mein Leben zu leben. Dann
erst kann ich mein So-Sein annehmen und bejahen. Dann erst kann ich
mich wirklich lieben, und ich bin dadurch fähig, auch einen anderen
zu lieben.
Dann muss ich niemanden mehr ausschließen. Dann bin ich ein
Liebender geworden.
(aus: Tepperwein: Die geistigen Gesetze,
Goldmann-Verlag)
Eine Beziehung...
Eine
Beziehung bedeutet etwas Vollständiges, Fertiges, Abgeschlossenes.
Liebe ist nie eine Beziehung. Liebe bedeutet, sich zu beziehen,
immer fliessend wie ein Strom, ohne Ende. Liebe kommt nie an einen
Endpunkt. Die Flitterwochen haben einen Anfang, aber sie enden
nie.
Liebe ist nicht wie ein Roman, der an einer bestimmten Stelle beginnt
und an einer bestimmten Stelle endet. Sie ist ein kontinuierliches
Phänomen. Die Liebenden können enden, aber die Liebe
geht weiter. Sie ist ein Kontinuum. Sie ist ein Zeitwort und kein
Hauptwort. Doch weshalb reduzieren wir die Schönheit des »Sich-Beziehens«
auf eine »Bezieh-ung«? Weshalb haben wir es damit so
eilig? Weil Sich-Beziehen unsicher ist und eine Beziehung Sicherheit
bedeutet, weil sie Gewissheit bedeutet.
Sich-Beziehen ist nur ein Zusammentreffen von zwei Fremden, vielleicht
nur eine nächtliche Begegnung, und am nächsten Morgen
verabschiedet man sich wieder. Wer weiss denn, was morgen geschieht?
Davor haben wir solche Angst, dass wir uns absichern wollen, dass
wir es vorhersehbar machen wollen.
Wir wollen das Morgen nach unseren eigenen Vorstellungen zurechtbiegen.
Wir erlauben ihm nicht die Freiheit, sich selbst zu äussern.
Deshalb wandeln wir sofort jedes Zeitwort in ein Hauptwort um.
(aus: Osho, Mann und Frau, Goldmann-Verlag)
Die Nixe
War
sie wohl eben jetzt aus dem Meer gestiegen?
Ihr Haar, ihre Lippen
Rochen bis morgens nach See,
Und wie das Meer war die Brust, die sich senkte und hob.
Ich weiß ja, sie war arm
- Bei ihrem Körper konnte man nicht grad'
von Arm-Sein sprechen -
Tief in mein Ohr, ganz leis, sang sie mir Liebeslieder.
Was hatte sie nicht gesehn und gelernt
In ihrem Leben, das mit dem Meer engumschlungen verlief:
Netze flicken, Netze werfen, Netz einholen,
Angeln machen, Futter holen, Boote säubern.
Um mich an Stachelfisch zu erinnern,
Bohrte sie ihre Hände in meine.
Ich sah diese Nacht, ich sah es in ihren Augen,
Wie schön wohl der Tag auf offenem Meer erwacht!
Und ihre Haare lehrten die Woge mich kennen;
Ich schaukelte lange im Traume darin.
(Orhan Veli Kanik)
Gott und die Fische
Da kamen etliche, die ungläubig waren, zu Jesu und sprachen:
„Du hast uns gesagt, dass unser Leben von Gott sei, aber
wir haben Gott niemals gesehen, noch kennen wir einen Gott.- Kannst
du uns ihn zeigen, - den du Vater-Mutter nennst und den einzigen
Gott? Wir wissen nicht, ob es einen Gott gibt."
Jesus antwortete ihnen und sprach: „Hört dieses Gleichnis
von den Fischen. Die Fische eines Flusses sprachen miteinander
und sagten: Man behauptet, dass unser Leben vom Wasser komme, aber
wir haben nie Wasser gesehen, wir wissen nicht, was es ist. Da
sprachen etliche von ihnen welche klüger waren als die andern:
Wir haben gehört dass im Meere ein kluger und gelehrter Fisch
lebt, der alle Dinge kennt. Lasset uns zu ihm gehen und ihn bitten,
dass er uns das Wasser zeige.
So machten sich einige von ihnen auf, um den großen und weisen
Fisch zu suchen, und sie kamen endlich in die See, wo der Fisch
lebte, und sie fragten ihn.
Und als er sie gehört hatte, sprach er zu ihnen: Oh, ihr dummen
Fische! Klug seid ihr, die Wenigen, die suchen. Im Wasser lebt
ihr und bewegt ihr euch und habt ihr euer Dasein; aus dem Wasser
seid ihr gekommen, zum Wasser kehret ihr wieder zurück. Ihr
lebet im Wasser, aber ihr wisst es nicht. - Ebenso lebt ihr in
Gott, und doch bittet ihr mich: Zeige uns Gott. Gott ist in allen
Dingen, und alle Dinge sind in Gott»
(aus: Heliand,
Evangelium des vollkommenen Lebens, Fankhhauser-Verlag)
Mein Gott...
Mein
Gott, durch die Mannigfaltigkeit der geschaffenen Zeichen und den
ständigen Wechsel der Phasen, habe ich gelernt,
dass es Dein Wille ist,
Dich mir kenntlich zu machen in allem,
damit ich Dich nirgendwo nicht erkenne.
Ibn 'Ata
' Allah
(aus: Annemarie Schimmel, Dein Wille geschehe, Verlag: Gorski &Spohr)
Was du suchst...
Du bist bereits,
wonach du suchst,
denn
das,
wonach du suchst,
ist das,
was sucht.
(aus: Reshad Feild, Reiseführer
auf dem Weg zum Selbst, Verlag: Plejaden)
Erhab'ner Gott
Erhab'ner
Gott, Du, Einer, ohnegleichen:
Dich nennen »Herr« die Herrn aus allen Reichen.
Du bist das Ende und auch das Beginnen,
Das Außen, o Erhabner, und das Innen.
So viel Jahrtausende rennt der Verstand,
Doch hat von Dir er keinen Hauch erkannt ...
Für alles, was geschaffen, bist Du Licht,
Du nur verleihst dem Auge seine Sicht.
0 Wunder, daß Du sichtbar und verhüllt!
Du bist's, der - ohne Herz - den Herzgrund füllt.
Die Seelen stammen, Freund, von Deinem Strahle;
Du bist der Kern, das andre ist die Schale.
Nur Namen hat die Welt von Dir, kein Zeichen,
Nicht kann Dich schauender Verstand erreichen.
Verborgen dem Verstand, sichtbar im Sein,
Zeigst Du den Abglanz Deines Wesens rein.
Durch Dich erschien die Welt - in jedem Nu
Sprichst ganz Geheimes in der Seele Du.
Wohl sucht Verstand Dich vielfach zu umschreiben -
Zuletzt muß er doch voller Schmerzen bleiben.
Wie schön! Zeigst Du im »Sei!« Dein Angesicht
Und hüllst die sieben Sphären in Dein Licht!
Wie schön! 0 Sprechender! Gibst Lipp' und Mund -
Du bist so klar und doch verhüllt im Grund.
Wie schön! 0 Sehender! Du schenkst das Sehen,
Daß wir im Schleierinnern Dich erspähen.
Wie schön! Die Welt erhellt von Deinem Schein,
Der Mensch geformt nach Deinem Widerschein!
Wie schön, daß Du gezeigt in Herz und Seele
Dem Sucher Deine Schönheit ohne Fehle!
Du bist das Licht, das in den sieben Sphären
Um diesen Staubball kreist in stetem Währen.
Du bist das Licht, das strahlt im Sonnenglanze
Wodurch der Teil ist ewig und das Ganze.
Du bist das Licht, das Mond und Stern bewohnt,
Verloren sind vor ihm so Stern wie Mond.
Du bist das Licht, dran niemals rührt die Glut,
Schmerz wie Arznei, die tief im Herzen ruht.
Du bist das Licht, aus Eifersucht entbrannt,
Das alle, die es lieben, setzt in Brand.
Du bist das Licht, das der Propheten Seele,
Und das erscheint in Heil'gen ohne Fehle.
Du bist das Licht, den Wandrern helle Kerzen
Und großer Glanz für alle Menschenherzen ...
Von deinem Licht ward der Verstand verstört,
Und ward vor Scham unwissend und betört.
Kommst Du im Frühling sichtbarlich gegangen,
So lüftest Du den Schleier von den Wangen.
Du wirfst zur Erde des Gesichtes Glanz,
Und schmückst den Staub mit holden Bildern ganz.
Der Frühling kommt mit Blüten allzuhauf,
Vor Deinem Antlitz wallt die Rose auf.
Sieh, wie die Rose nach Dir sehnend lacht!
Daher kommt ihrer vielen Farben Pracht.
Narzissen setzt Du Kronen auf aus Gold,
Juwelenschmuck aus -Wolken auf sie rollt!
Trägt Veilchen Deines Klosters Ordenskleid
Und senkt den Kopf so tief aus Trennungsleid.
Die Lilie will mit jeder Zunge loben
Dich, Herr, und trägt deshalb des Haupt erhoben.
Ihr Herzblut trinken Tulpen, die Dich lieben -
Die Wang' ist bleich, ihr Herz blutrot geblieben.
Nach Dir sich sehnend, ist verwirrt ihr Sinn,
Sie werfen sich in Deinen Staub nun hin.
Wie man Dich auch beschreibt - es ist voll Fehle -
Gewiß weiß ich: Du bist der Seele Seele! ...
Nichts will ich, Liebster, noch als Dich beschreiben
Und dann allein mit Deiner Liebe bleiben.
Willst Du allhier mir diesen Wunsch versagen,
So werde über Deine Hand ich klagen.
Durch Deine Gnade gabst du Hoffnung mir -
Vereine mich in Liebe nun mit Dir!
Du bist die Sonne, und in Deiner Nähe
Bin ich wie Schatten, wenn ich bei Dir stehe.
Nein, auch den Schatten machst Du noch zunicht,
Wenn Du verströmest je Dein ew'ges Licht ...
Daß ich den Schmerz der Liebe trank - Du weißt es!
Und Tag und Nacht darin versank - Du weißt es!
Ich klage laut im Schmerze Deiner Liebe,
Da stets in diesem Strudel Blut ich bliebe.
Du mögest mich von diesem Schmerze heilen -
Laß mich aus Güte nicht alleine weilen!
Du weißt: ich habe nichts als Dich erlesen -
Besitze nichts, o Seele, als Dein Wesen.
Von dieser Welt und jener hab ich Dich,
Du, Ziel von allem hier und dort für mich!
O Gott, wer bin ich hier? Ein Bettler arm,
Der Dir bekannt in Deiner Freunde Schwarm.
O Gott, der Bettler tritt sehr hilflos vor:
Ist Handvoll Knochen nur an Deinem Tor.
O Gott, verwirrt, verstört ist mein Gemüt -
Da es im Feuer Deiner Liebe glüht!
Vor Sehnen ward mein Herz zu Blut - Du weißt es.
Laß mich vergeh'n! Was bleibt, o Gut - Du weißt es.
Dein Bleiben ist am Ende mein Vergehen
Und Du wirst stets auf Teil und Ganzes sehen.
Du bist ja ewig - ich kann es nicht sein.
Ich werd' vergeh'n - und Du bleibst ganz allein!
Attar
(aus: Annemarie Schimmel, Nimm eine Rose und nenne sie Lieder,
Verlag: Diederichs)
Ob meine Leila käme
Ob meine Leila käme, wollt ich schauen;
Sie kam nicht, doch vorm Auge stand ihr Traumbild.
Will mein Geheimnis andern nicht vertrauen -
Zur Liebe hat mein Herz gewandt ihr Traumbild.
Dass
ich so einsam, hat mein Lieb bedacht:
Mit Schönheitsfleckchen sah ich sie heut nacht,
Mit weissem Nacken, weißgekleidet - sacht
Sich wiegend, zu mir lächelnd fand ihr Traumbild.
Nur
ihre Liebe habe ich im Sinn,
Im Schlaf, im Wachen tritt sie vor mich hin,
Sie steht vor mir, wo immer ich auch bin -
Mein Weggefährte ward im Land ihr Traumbild.
So
kann ich wohlgemuten Herzens gehen:
Unwandelbar seh ich sie vor mir stehen,
Und kann ihr Trostwort "Ich bin dein" verstehen -
Mein schweifend Herz nahm in die Hand ihr Traumbild.
Hayali
(aus:
Schimmel, Nimm eine Rose und nenne sie Lieder, Diederichs-Verlag)
Freude
...
dass man sich, indem man seiner Freude folgt, gewissermaßen
auf eine Spur bringt, die immer schon da war und auf einen wartete,
und das Leben, das man führen sollte, ist genau das Leben,
das man führt. Wenn sie das so sehen können, fangen sie
an, Menschen zu begegnen, die im Feld ihrer Freude sind, und sie
machen ihnen die Tür auf. Ich sage: folgen sie ihrer Freude,
und haben sie keine Angst, und Türen werden sich öffnen,
wo sie gar nicht damit gerechnet haben.
(aus:
Campbell: Die Macht des Mythos)
Der Mi’râj (Himmelfahrt)
des ABU YASID
aus
dem Englischen (vermutlich Nicholsons Übersetzung des Kitâb
al-luma' fi't-tasawwuf von Abû Nasr As-Sarrâj) von
Gabi Patak und redigiert von Peter Cunz
Alle runden Klammern (...) sind vom Übersetzer zwecks besseren
Verständnisses angebracht worden, während die geraden
Klammern[......] schon im Text der englischen Fassung vorkommen.
Mit
den Augen der Gewissheit schaute ich auf meinen Herrn,
nachdem Er mich von allem wegzog, das nicht Er selbst war
und mich mit Seinem Lichte erleuchtete.
Und Er zeigte mir Wunderdinge Seines verborgenen Seins,
und Er zeigte mir Seine "Sein-heit".
Und durch Seine "Sein-heit" schaute ich meine "Ich-heit",
und sie löste sich auf:
mein Licht in dem Seinigen,
meine Ehre in Seiner Ehre,
meine Macht in Seiner Macht.
Und (da) sah ich meine "Ich-heit" in Seiner "Sein-heit",
meine erhabenen Fähigkeiten in Seiner Erhabenheit, meine Erhöhung
in Seiner Erhöhung.
Und ich schaute auf Ihn mit den Augen der Wahrheit,
und ich sagte zu Ihm:
"Wer ist dies?"
und Er sagte:
"Dies ist nicht Ich, noch etwas anderes als Ich,
Es gibt keinen Gott ausser mir."
Und Er verwandelte mich aus meiner "Ich-heit" in Seine
"Sein-heit"
und veranlasste, dass ich in Seiner "Sein-heit" von meiner
Selbstheit aufhöre.
Und er zeigte mir Seine "Sein-heit" allein (nackt),
und ich schaute auf Ihn durch Seine "Sein-heit".
Und als ich Gott durch Gott schaute,
sah ich Gott durch Gott.
Und eine Zeit lang verweilte ich in Gott durch Gott,
hatte weder Atem,
noch Zunge,
noch Ohr
(und) noch kein Wissen,
bis Gott Weisheit in mich pflanzte aus Seiner Weisheit,
und mir – aus Seiner liebender Güte – eine Zunge
verlieh
und ein Auge aus Seinem Lichte.
Und so schaute ich durch Sein Licht auf Ihn
und hatte Weisheit aus Seiner Weisheit
und Auftrag zum Gebet mit Ihm, mit der Zunge Seiner liebenden Güte,
und ich sagte:
"Was habe ich mit Dir zu schaffen? (Was befiehlst Du mir?)"
Und Er sagte:
"Ich bin dein – durch dich,
Es gibt keinen Gott ausser dir!"
Ich sagte:
"(Herr!) Verführe mich nicht mit mir selbst, getrennt
von Dir und ohne Dich,
damit ich nur mit Dir zufrieden sei, getrennt von Dir und ohne
mich."
Und Er schenkte sich mir hin, ohne mich, [(ohne) dabei zu sein],
und ich verkehrte mit Ihm im Gebet, ohne mich, [(ohne) dabei zu
sein].
Und Er sagte:
"Deine Verpflichtung mir gegenüber ist: meine Gebote
und Verbote[zu befolgen] ".
Und ich sagte:
"Was habe ich von Deinen Geboten und Verboten?"
Er sagte:
"Mein Lob für dich steht in Meinen Geboten und Verboten.
Ich danke dir dafür, was du von meinen Geboten befolgt hast,
und Ich liebe dich für das Respektieren Meiner Verbote."
Und ich sagte:
"Wenn Du hierfür dankst, dann verschenke Deine Danksagung
Dir selbst,
und wenn Du tadelst, dann bist Du selbst in keiner Weise zu tadeln.
Oh (Du) mein Begehren, meine Hoffnung [(meine) Erlösung] von
meinen Leiden
und Heilung meines Elends:
Du befiehlst,
und Du bist der, dem befohlen wird,
und es gibt keinen Gott ausser Dir."
Dann ward Er stille gegen mich,
und ich wusste, dass Seine Stille echte Freude bedeutet.
Dann sagte Er:
"Wer lehrte dich?"
Ich sagte:
"Derjenige, der fragt, weiss es besser, als der Befragte,
Du bist der Fragende und der Befragte,
es gibt keinen Gott ausser Dir!"
So schloss Gottes Zeugnis gegen mich – von Ihm selbst.
Und ich fand Gefallen an Ihm durch Ihn,
Und Er fand Gefallen an mir, durch Ihn selbst.
Denn: durch Ihn bin ich, und Er ist Er.
Es gibt keinen Gott ausser Ihm.
Dann erleuchtete Er mich mit dem Lichte des Wesens
und ich schaute auf Ihn mit dem Auge der [göttlichen] Freigiebigkeit.
Und Er sagte:
"Verlange von Meiner Freigiebigkeit was du willst,
damit Ich es dir darreichen möge."
Ich sagte:
"Du bist freigiebiger als Deine Freigiebigkeit,
Du bist grosszügiger als Deine Grosszügigkeit:
von Dir aus [Ausschau haltend] empfinde ich Genugtuung an Dir,
und schliesslich erreichte ich Dich.
Biete mir nichts an, was anders wäre, als Du,
und stosse mich nicht zurück mit dem, was anders ist als Du.
Verführe mich nicht mit Deiner Gnade und Grosszügigkeit,
noch mit Deiner Freigiebigkeit,
denn Freigiebigkeit fliesst aus Dir für immer,
und sie kehrt zu Dir zurück.
Du veranlasst [alle] Dinge [zu Dir] zurückzukehren, und die
Rückkehr ist zu Dir,
Du bist der Begehrliche und Du der Begehrte,
von Dir ist der Begehrende [Mystiker] abgeschnitten und durch Dich
ist das Bitten abgeschnitten von Dir."
Und für eine Weile gab Er mir keine Antwort.
Dann (aber) antwortete Er mir und sagte:
"Du sprachst die Wahrheit,
und Wahrheit hast du vernommen,
und Wahrheit hast du gesehen;
du bist die Wahrheit
und durch die Wahrheit findet die Wahrheit (ihre) Bestätigung;
du bist die Wahrheit,
und Wahrheit kehrt zur Wahrheit zurück,
und durch Wahrheit wird Wahrheit vernommen;
du bist der Zuhörer und du der Spender des Hörens,
du bis die Wahrheit und du der Sprecher der Wahrheit,
es gibt keinen Gott ausser Dir."
Und Er sagte:
"Was bist du sonst als Wahrheit? [oder: du bist nichts als
die Wahrheit].
Durch die Wahrheit hast du gesprochen."
Und ich sagte:
"Nein, Du bist die Wahrheit,
und Dein Wort ist wahr,
und (nur) durch Dich ist Wahrheit wahr.
Du bist Du;
es gibt keinen Gott ausser Dir."
Und Er sagte zu mir:
"Was bist du?"
Ich sagte zu Ihm:
"Was bist Du?"
Er sagte:
"Ich bin die Wahrheit!"
Und ich sagte:
"Ich bin durch Dich."
Er sagte:
"Bist du durch mich,
dann bin Ich du, und du bist Ich."
So sagte ich:
"Verführe mich nicht mit Dir selbst ausserhalb von Dir
selbst.
Nein, Du bist Du;
Es gibt keinen Gott ausser Dir."
Und als ich zur Wahrheit gelangte
und mit der Wahrheit in der Wahrheit wohnte,
stattete Er mich mit Flügeln der Herrlichkeit und der Majestät
aus.
Und ich flog mit meinen Flügeln,
doch ich erreichte das Ende Seiner Herrlichkeit und Majestät
nicht.
Und ich rief Ihn an, mir Beistand gegen Ihn selbst (zu gewähren),
denn ich besass keine Macht, um Ihn zu ertragen, es sei, [sie käme]
durch Ihn selbst.
Und Er betrachtete mich mit den Augen Seiner Grossmütigkeit,
Und Er stärkte mich mit Seiner Stärke.
Er schmückte mich
und krönte mich mit der Krone Seiner Freigiebigkeit.
Und Er schirmte mich durch Seine eigene Abgeschiedenheit ab
und vereinheitlichte mich durch Seine Einheit
und bekleidete mich mit Seinen eigenen Eigenschaften, die niemand
mit Ihm teilen kann.
Dann sagte Er zu mir:
"Mache Dich eins mit Meiner Einheit,
und schirme dich ab in Meiner Abgeschiedenheit,
und erhebe dein Haupt zu der Krone Meiner Freigiebigkeit.
Sei herrlich in Meiner Herrlichkeit,
und jauchze in Meinem Jauchzen.
Und gehe mit Meinem Eigenschaften zu Meinen Kreaturen hin,
damit ich Meine eigene Selbstheit in deiner Selbstheit erblicke.
Wer auch dich sieht, sieht Mich,
und wer da dich sucht, sucht Mich.
Oh du Mein Licht in Meiner Erde
und meine Zierde in Meinem Himmel."
Und ich sagte:
"Du bist die Sicht in meinem Auge
und mein Wissen in meiner Unwissenheit.
Sei Du Dein eigenes Licht, damit Du durch Dich selbst gesehen wirst.
Es gibt keinen Gott ausser Dir!"
Und Er antwortete mir mit der Zunge innerster Freude und sagte:
"Wie gut du unterrichtet bist, oh mein Diener."
Ich sagte:
"Du bist der Wissende und Du das Gewusste,
Du bist der Abgeschiedene und Du das [absolut] Eine.
Bleibe abgeschieden in Deiner Abgeschiedenheit
und vereinigt in Deiner eigenen Einheit.
Beschäftige mich nicht mit Dir – weg von Dir (damit
ich nicht wegkomme von Dir)".
Und so endete Gottes Zeugnis gegen mich
in Seiner Abgeschiedenheit und durch Seine Einheit in Seiner Einheit.
Und so wohnte ich in Seiner Abgeschiedenheit,
ohne dass ich selbst abgeschieden gewesen wäre,
so, dass ich mit Ihm wohnte, durch Ihn.
Meine Eigenschaften gingen unter in den Seinigen,
mein Name verfiel dem Seinigen,
und mein "Erstes" und mein "Letztes" fielen
ab von mir in das Seinige.
Und ich schaute auf Ihn durch Sein Wesen,
das niemand, der dazu fähig wäre, erblicken darf,
und welches niemand, der "weiss", (je) erreichen kann,
und welches Werkleute der Taten nicht verstehen.
Und Er schaute auf mich mit den Augen des Wesens,
nachdem mein Name von mir fiel,
wie auch alle meine Eigenschaften, mein Erstes und mein Letztes,
und (alle meine) Unterscheidungsmerkmale.
Und Er rief mich mit Seinem [eigenen] Namen
und gab mir den Beinamen Seiner (eigenen) "Sein-heit"
und hatte Gemeinschaft mit mir in Seiner Einheit.
Er sagte:
" Oh, Ich."
Und ich sagte:
"Oh, Du."
(Ja und) so endete Gottes Zeugnis gegen mich durch Ihn.
Er benannte mich mit etwelchen Seiner Eigenschaften,
die ich jedoch Ihm zugeschrieben hatte,
Und alle Dinge wurden von mir – durch Ihn – abgeschnitten,
und so blieb ich für eine Weile ohne Seele oder Körper,
wie einer, der tot ist.
Dann erweckte Er mich mit Seinem Leben,
nachdem Er meinen Tod verursacht hatte.
Und Er sagte:
"Wem gehört das Königreich heute?"
Und als Er mich wiederbelebt hatte, sagte ich:
" (Es ist) Gottes, (Gottes) des Einen, des Überwältigenden."
Und Er sagte:
"Wem gehört der Name?"
Ich sagte:
" (Er ist) Gottes, (Gottes) des Einen, des Überwältigenden."
Und Er sagte:
"Wem obliegt der Befehl?"
Und ich sagte:
" (Er obliegt) Gottes, (Gott) dem Einen, dem Überwältigenden."
Und Er sagte:
"Wem gehört die Wahl?"
Ich sagte:
"Sie ist des Herrn, dem alles Bezwingenden."
Und Er sagte:
"Ich erschuf dich zum Leben, damit du durch Mein Leben lebst,
setzte dich zum Herrscher über Mein Königreich,
nannte dich bei Meinem Namen,
gab dir (die Herrschaft) zum Regieren mit Meinen Gesetzen,
veranlasste, dass du Meine Wahl verstehst
und passte dich an göttliche Namen an sowie an die ewigen
Eigenschaften."
Ich sagt:
"Ich verstehe nicht, was Du wolltest.
Ich gehörte meinem Selbst, doch Du warst nicht zufrieden,
und ich gehörte Dir, durch Dich, und [wiederum] warst Du nicht
zufrieden."
Und Er sagte:
"Gehöre du weder zu deinem, noch zu Meinem Selbst –
Wahrlich, Ich war dein, als du noch nicht warst;
so sei du Meins [so] (wie du warst,) als du noch nicht warst.
Und gehöre dir selbst, genau so wie du warst,
und sei Meins, genau so wie du nicht warst,
und gehöre dir selbst, genau so wie du warst,
und sei Meins, genau so wie du warst."
Und ich sagte:
"Wie könnte mir solches geschehen, es sei durch Dich?"
Und Er schaute mich für einen Augenblick mit den Augen der
Macht an
und vernichtete mich durch Sein "Sein" (being)
und offenbarte sich in mir als Sein Wesen.
Und ich lebte durch Ihn,
und das Gebet zur Vereinigung (mit Ihm) hörte (in mir) auf.
Dann wurde das Wort eins,
Und das All wurde durch das All zu einem.
Und Er sagte zu mir:
"Oh, du."
Und ich sagte zu Ihm
"Oh, ich."
Und Er sagte zu mir:
"Du bist der Alleinige."
Ich sagte:
"Ich bin der Alleinige."
Er sagte zu mir:
"Du bist du."
Ich sagt:
"Ich bin ich.
Aber wenn ich ich wäre, als ein Ego, hätte ich nicht
"ich" gesagt;
aber da ich niemals ein Ego war,
dann sei Du Du, ja Du."
Er sagte:
"Ich bin Ich."
Mein Reden über Ihn als "Ich" ist wie mein Reden
über Ihn als "Er"
– es bezeichnet die Einheit.
Und meine Eigenschaften wurden zu denen der Herrschaft
und meine Zunge (zu jener), welche die göttliche Einheit verkündet.
Und meine Eigenschaften (sind): - Er – der ist:
Er ist Er, es gibt keinen Gott ausser Ihm.
Und was es war, war, was es war durch Sein "Sein" (being),
und was ist, ist, was es ist durch Sein "Sein" (being)
-
meine Eigenschaften waren die Eigenschaften der Herrschaft,
und meine Spuren die Spuren der Ewigkeit,
und meine Zunge (ist) jene, welche die göttliche Einheit verkündet.
Einmal hob Er (der Herr) mich auf
und setzte mich vor Ihn hin,
und Er sagte zu mir:
"Oh, Abu Yazid,
wahrlich, meine Kreaturen sehnen sich (danach), dich zu sehen."
Und ich sagte:
"Schmücke mich mit Deiner Einheit,
und kleide mich in Deine "Ich-heit",
und erhebe mich in Dein "Eins-sein",
so dass, wenn die Kreaturen mich sehen,
sie sagen mögen:
'Wir sahen Dich, und du bis Es',
doch werde ich (selbst) überhaupt nicht dabei sein."
Abu Yazid sagte:
Alsbald ich Seine Einheit erreichte
wurde ich zu einem Vogel,
dessen Kleid aus "Eins-sein" war
und dessen Flügel aus Ewigwährendem,
und ich flog immerzu für zehn Jahre in der Atmosphäre
der Relativität,
bis ich in eine zehnmillionenmal grössere Atmosphäre
gelangte,
und ich flog immer weiter,
bis ich die weiten Ebenen der Ewigkeit erreichte.
Dort erblickte ich den Baum des "Eins-seins".
Dann beschrieb Er den Boden, [indem er wuchs (der Baum des "Eins-seins")],
seine Wurzeln und Äste, seine Blüten und Früchte.
Dann sagte Er:
"Ich betrachtete (es) und wusste, dass all dies Betrug war."
Abu Yazid sagt:
Das Innerste meiner Seele wurde in den Himmel gestrahlt,
und es schaute auf gar nichts;
Himmel und Hölle wurden ihr vorgeführt, doch es achtete
auf nichts,
und es wurde heraufgezogen über [alle] mögliche Wesen
(beings) hinaus
und (über) alles, was seine Sicht verschleierte.
Ich wurde zu einem Vogel,
und flog ständig in einer Atmosphäre des Wesens,
bis ich die breite Ebene des "Eins-seins" überschauen
(konnte),
und in ihr sah ich den Baum der Ewigkeit, (der) ohne Anfang (ist).
Als ich schaute,
war alles Ich.
Er erhob meinen Grund und ich durchbohrte die geistige Welt.
Keine Seele eines Propheten durchquerte ich,
aber ich begrüsste sie und gab Ihnen (allen) meinen Frieden,
ausgenommen der Seele Mohammeds.
Und siehe! Um seine Seele gab es Tausende von Schleiern aus Licht,
sie alle barsten in Flammen aus, beim ersten Blitz [den ich sah].
Ich sagte:
"Oh Herr, Gott!
Es gibt so lange keinen Weg für mich zu Dir, wie es dieses
"Ich" noch gibt,
und ich kann von meinem Selbstsein nicht entkommen.
Was Soll ich tun?"
Der Befehl kam:
"Oh Abu Yazid, willst du dich von deinem Selbstsein befreien,
dann folge den Fussstapfen unseres Freundes [Mohammed].
Reinige deine Augen mit dem Staube seiner Füsse – wie
mit einem Augenwasser
und höre nie auf, seinen Schritten zu folgen."
Abu Yazid (Beyezid) Bistami
Reife Liebe
Wenn
ein reifer Mensch Liebe gibt, ist er dankbar, daß jemand
seine Liebe annimmt und nicht umgekehrt; er erwartet nicht, daß
man ihm dafür dankbar ist, nein, überhaupt nicht. Er
braucht nicht mal ein Dankeschön. Er dankt dir dafür,
daß du seine Liebe angenommen hast.
Und wenn zwei reife Menschen sich lieben, ereignet sich eines der
paradoxesten und wunderbarsten Phänomene im Leben: Sie sind
zusammen und dennoch ungeheuer allein. Sie sind so sehr zusammen,
daß sie fast eins sind. Doch ihr Einssein beeinträchtigt
nicht ihre Individualität, im Gegenteil, sie wird noch verstärkt;
sie werden noch mehr zu Individuen.
Zwei reife Menschen, die sich lieben, helfen einander, noch freier
zu werden. Da ist keine Politik im Spiel, keine Diplomatie, kein
Versuch, den anderen zu beherrschen. Wie kannst du den Menschen,
den du liebst, beherrschen wollen?
Denke einmal darüber
nach. Jemanden beherrschen zu wollen, hat etwas von Haß,
Wut und Feindseligkeit. Wie kannst du daran denken, einen Menschen,
den du liebst, beherrschen zu wollen? Du möchtest diesen Menschen
völlig frei und unabhängig sehen. Du willst, daß
er noch mehr Individualität erlangt.
Dies ist das größte Paradox: Sie sind so intensiv zusammen,
daß sie fast eins sind, aber in diesem Einssein bleiben sie
dennoch Individuen. Ihre Individualität wird nicht ausgelöscht,
sondern noch verstärkt. Der eine ist dem anderen eine Bereicherung,
auch für seine Freiheit.
Wenn sich zwei unreife Menschen
ineinander verlieben, machen sie sich gegenseitig ihre Freiheit
kaputt. Sie erzeugen eine Abhängigkeit, ein Gefängnis.
Reife Liebende helfen sich gegenseitig, frei zu sein; sie helfen
sich gegenseitig, alle möglichen Abhängigkeiten loszuwerden.
Und wenn Liebe mit Freiheit einhergeht, ist es wunderschön.
Wenn Liebe mit Abhängigkeit einhergeht, ist es hässlich.
Vergiss nicht: Freiheit hat einen höheren Wert als Liebe.
Darum bezeichnen wir in Indien die Höchste Erfahrung als Moksha.
Moksha bedeutet Freiheit. Freiheit ist von höherem Wert als
Liebe. Wenn also die Liebe die Freiheit kaputtmacht, hat sie keinen
Wert. Die Liebe kann man aufgeben, aber die Freiheit muss man sich
bewahren. Freiheit ist der höhere Wert.
(aus
Osho, Mann und Frau, Arkana Verlag)
O mein Licht...
...
O mein Licht in aller Finsternis! O mein Vertrauter in aller Einsamkeit!
O meine Hoffnung in allem Kummer! O mein Vertrauen in allem Schweren!
O mein Führer in der Verirrung!Du bist mein Führer, wenn die Führung
aller endet; denn Deine Führung höret nimmer auf, und wen Du leitest,
der geht nicht irre.
Du
hast mir Gnade erwiesen, hast mich reichlich beschenkt und mich
genährt, Du hast mir überreich gegeben und mich ernährt, Du hast
mir gute Nahrung gegeben und hast mir großmütig geschenkt ohne
mein Verdienst.
Du
gabst mir zuerst durch Deine Großmut und Güte: Da wurde ich durch
Deine Güte stark zum Ungehorsam gegen Dich und wurde durch Deine
Nahrung kräftig, so dass ich mein Leben verwüstete mit Taten, die
Du nicht liebst.
Doch
weder meine Dreistigkeit gegen Dich noch mein Begehen verbotener
Taten oder meine Beschäftigung mit unerlaubten Dingen hielten Dich
davon ab, mir wiederum Gnade zu erweisen; und Deine Milde und Deine
wiederholten Gnadenbeweise hinderten mich nicht, Dir wiederum ungehorsam
zu sein; denn Du bist es, der immer wieder gnadenvoll ist, und
ich, der immer wieder ungehorsam ist.
O
du Huldvollster, dem man die Schuld bekennt, o Starker, vor dem man
sich erniedrigt! Bei Deiner Huld - ich bekenne meine Schuld, und bei
Deiner Stärke - ich erniedrige mich. Was immer Du tun willst in Deiner
Huld bei diesem Bekenntnis meiner Schuld und bei meiner Demütigung
- tu alles, wozu Du fähig bist, doch tu nichts, wozu ich nicht fähig
bin!
(Ali
ibn Abi Talib)
(aus: Schimmel, Dein Wille geschehe, Goski &Spohr-Verlag)
Ihr
habt die Liebe...
Ihr
habe die Liebe auf morgen verschoben,
Schüchtern, verhalten, ehrfurchtsvoll.
Alle Freunde, Verwandten
Haben euch falsch gekannt.
Wegen
niemals endender Arbeit
(Ihr wolltet zwar nicht, dass es so kommen sollte)
Wo doch ein Blick schon genügt hätte, alles zu sagen
—
Blieben Gefühle, die euer Herz
Anfüllten, doch im Herzen verschlossen.
Ihr
hofftet auf ausgedehntere Zeiten —
Denn Liebe in knapper Zeit auszusagen, ist unschön.
Aber es kam euch nicht in den Sinn, dass die Jahre
So rasch im Trubel vergehen.
In
eurem heimlichen Garten
Gab es erblühte Blumen
Zur Nacht, und allein.
Das schien euch zu wenig als Gabe,
Oder ihr fandet nicht die Zeit...
Behcet
Necatigil
(aus
Schimmel: Nimm eine Rose und nenne sie Lieder, Diederichs-Verlag)
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